Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im November

In Bonn gibt es nur noch glückliche Menschen. Die hessischen Wähler haben das Kunststück vollbracht, ein Podest zu zimmern, auf dem sich alle drei Bundestagsparteien dem Publikum in überzeugender Siegerpose zeigen.

Die Sozialdemokraten sind einigermaßen glimpflich davongekommen. Ihr Verlust mag ein Schönheitsfehler sein, und Albert Osswald mag auch beklagen, daß seine Partei Stimmen auf dem Altar des Bonner Bündnisses geopfert habe – die Bundespolitiker der SPD schert das wenig. Für sie zählt allein, daß ihr Bündnis mit der FDP insgesamt bestätigt und bekräftigt worden ist – und dies, weil die Freien Demokraten sich im Hessenland für alle so überraschend erfolgreich geschlagen haben.

So stehen die Freien Demokraten auf der höchsten Stufe des Podests. Freilich blicken sie von dort aus noch immer etwas benommen in die Runde. Ihre Glücksgefühle bleiben verhalten. Monat um Monat sind die Freien Demokraten nach der schlimmen Schlappe bei den Drei-Länder-Wahlen im Sommer mit fatalistischer Entschlossenheit auf einen neuen Engpaß zumarschiert, von dem sie und alle anderen nicht annehmen konnten, daß sich dahinter das gelobte Land ausbreiten würde: 10,1 Prozent der Stimmen.

Schließlich die CDU. Widrige Umstände, vor allem die Erhard-Krise, hatten es mit sich gebracht, daß sie bei den letzten Landtagswahlen vor vier Jahren in Hessen weit ins Hintertreffen geriet. So bestand einiger Nachholbedarf. Daß die Union auf ihre Kosten kommen würde, war um so gewisser, als die Oppositionsrolle, in die sie mittlerweile auch im Bund geraten war, ihre Wählerreserven mobilisieren mußte. Aber daß sie ihren Stimmenanteil um mehr als die Hälfte steigern konnte, verglichen mit der letzten Landtagswahl, damit hatte auch sie kaum gerechnet.

Mit sich im reinen blieb selbst Erich Mende, dem die Hessenwahl, sollte man meinen, die Lust an düsteren Orakeln über das Schicksal seiner ehemaligen politischen Heimat am gründlichsten verdorben haben müßte. Nachdem er sich in der Wahlnacht allen Kommentarbegehren dadurch entzogen hatte, daß er, wie seine Frau die Neugierigen wissen ließ, seinen Schäferhund im Bonner Stadtwald spazierenführte, verkündete er am folgenden Tag vor Journalisten, das überaus gute Abschneiden der FDP erkläre sich im wesentlichen aus einer Rettungsaktion der SPD plus einem Mitleidseffekt bei "gewissen Jungakademikern und Altliberalen". Was die weitere Entwicklung der FDP betreffe, so bleibe er Pessimist. Und in einer seltsamen Kumpanei zitierte er zur Bekräftigung Rudolf Augstein, der in der jüngsten Spiegel- Ausgabe das Sterbeglöcklein der FDP "ganz silbrig und unüberhörbar" vernommen hatte.