Über den "Affen Goethes", den Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz

Von Walter Hindere

Das eintönige Karussell von Lebensläufen in auf- und absteigender Linie hat er mit ironischem Selbstverständnis beschrieben: "Wir werden geboren – unsere Eltern geben uns Brot um Kleid – unsere Lehrer drücken in unser Hin Worte, Sprachen, Wissenschaften – irgend eh artiges Mädchen drückt in unser Herz den Wunsch es eigen zu besitzen, es in unsere Arme als unser Eigentum zu schließen, wenn sich nicht gar ein tierisch Bedürfnis mit hineinmischt – es entsteht eine Lücke in der Republik wo wir hineinpassen – unsere Freunde, Verwandte, Gönner setzen an und stoßen uns glücklich hinein – wir drehen uns eine Zeitlang in diesem Platz herum wie die andern Räder und stoßen und treiben – bis wir wenn’s noch so ordentlich geht abgestumpft sind und zuletzt wieder einem neuen Rade Platz machen müssen – das ist, meine Herren! ohne Ruhm zu melden unsere Biographie – und was bleibt nun der Mensch noch anders als eine vorzüglich-künstliche kleine Maschine, die in die große Maschine, die wir Welt, Weltbegebenheiten, Weltläufte nennen besser oder schlimmer hineinpaßt

So beginnt seine Verteidigungsschrift "Über Götz von Berlichingen", dessen Autor später in "Dichtung und Wahrheit" zwar sein Talent gelobt, aber noch mehr seinen Charakter getadelt, ihn als das "seltsamste und indefinibelste Individuum", als einen "Schelm der Einbildung", als "whimsical" in merklichen Gradationen herabdefiniert hat. Goethes bekannte Beschreibung des ehemaligen "poetischen Zwilling-Bruders" Jakob Michael Reinhold Lenz verbirgt nur mühsam die feindliche Absicht, die sich dann in dieser Behauptung unverhüllt zeigt: "Seine Tage waren aus lauter Nichts zusammengesetzt, dem er durch seine Rührigkeit eine Bedeutung zu geben wußte."

Hatte ihn die literarische Öffentlichkeit der Zeit grundlos den zweiten deutschen Shakespeare genannt, Herder nur aus Nächstenliebe geschwärmt: "Jedes Wort von dir ist mir wahrhaftig Laut des Geistes", Wieland bloß zum Schein den "lieben Schatz" gebettelt: "Hab uns lieb, und mach daß du bald wieder hier existirst"’ Waren die vielseitigen Freundschaftsbande von Lavater über Pfeffel, Röderer, Salzmann, Schlosser, die Mutter Goethes, Lindau bis hin zu Sophie La Roche, dem Herzog von Weimar und dem russischen Schriftsteller Nikolaj Michajlowitsch Karamzin purer Zufall?

Doch die "seltsame Composition von Genie und Kindheit" stieg den Grabsprüchen Goethes zum Trotz immer wieder aus dem Sarg der Literaturgeschichte. Schon im Jahre 1879 klagte Hermann Hettner: "Neuerdings ist es Mode geworden, Lenz als einen großen Dichter zu preisen; dennoch wird es wohl bei dem alten Urteil Wielands sein Bewenden haben, ... Lenz habe viel Imagination und keinen Verstand, viel Begehrlichkeit und wenig wahre Zeugungskraft."

Das ist ein wenig aus dem Tempel der Weimarer Klassik gesprochen, dem der voreilig als "Affe Goethes" abgestempelte kritische Realist Lenz in dem Fragment "Die Kleinen" deutlich den schmalen Rücken gekehrt hatte: "Lebt wohl große Männer, Genies, Ideale, euren hohen Flug mach ich nicht mehr mit, man versengt sich. Schwingen und Einbildungskraft, glaubt sich einen Gott und ist ein Tor. Hier wieder auf meine Füße gekommen wie Apoll, als er aus dem Himmel geworfen ward, will ich unter den armen zerbrochener, schwachen Sterblichen umhergehen und von ihnen lernen, was mir fehlt, was euch fehlt – Demut."