Lebt wohl, große Männer

Über den "Affen Goethes", den Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz

Von Walter Hindere

Das eintönige Karussell von Lebensläufen in auf- und absteigender Linie hat er mit ironischem Selbstverständnis beschrieben: "Wir werden geboren – unsere Eltern geben uns Brot um Kleid – unsere Lehrer drücken in unser Hin Worte, Sprachen, Wissenschaften – irgend eh artiges Mädchen drückt in unser Herz den Wunsch es eigen zu besitzen, es in unsere Arme als unser Eigentum zu schließen, wenn sich nicht gar ein tierisch Bedürfnis mit hineinmischt – es entsteht eine Lücke in der Republik wo wir hineinpassen – unsere Freunde, Verwandte, Gönner setzen an und stoßen uns glücklich hinein – wir drehen uns eine Zeitlang in diesem Platz herum wie die andern Räder und stoßen und treiben – bis wir wenn’s noch so ordentlich geht abgestumpft sind und zuletzt wieder einem neuen Rade Platz machen müssen – das ist, meine Herren! ohne Ruhm zu melden unsere Biographie – und was bleibt nun der Mensch noch anders als eine vorzüglich-künstliche kleine Maschine, die in die große Maschine, die wir Welt, Weltbegebenheiten, Weltläufte nennen besser oder schlimmer hineinpaßt

So beginnt seine Verteidigungsschrift "Über Götz von Berlichingen", dessen Autor später in "Dichtung und Wahrheit" zwar sein Talent gelobt, aber noch mehr seinen Charakter getadelt, ihn als das "seltsamste und indefinibelste Individuum", als einen "Schelm der Einbildung", als "whimsical" in merklichen Gradationen herabdefiniert hat. Goethes bekannte Beschreibung des ehemaligen "poetischen Zwilling-Bruders" Jakob Michael Reinhold Lenz verbirgt nur mühsam die feindliche Absicht, die sich dann in dieser Behauptung unverhüllt zeigt: "Seine Tage waren aus lauter Nichts zusammengesetzt, dem er durch seine Rührigkeit eine Bedeutung zu geben wußte."

Hatte ihn die literarische Öffentlichkeit der Zeit grundlos den zweiten deutschen Shakespeare genannt, Herder nur aus Nächstenliebe geschwärmt: "Jedes Wort von dir ist mir wahrhaftig Laut des Geistes", Wieland bloß zum Schein den "lieben Schatz" gebettelt: "Hab uns lieb, und mach daß du bald wieder hier existirst"’ Waren die vielseitigen Freundschaftsbande von Lavater über Pfeffel, Röderer, Salzmann, Schlosser, die Mutter Goethes, Lindau bis hin zu Sophie La Roche, dem Herzog von Weimar und dem russischen Schriftsteller Nikolaj Michajlowitsch Karamzin purer Zufall?

Doch die "seltsame Composition von Genie und Kindheit" stieg den Grabsprüchen Goethes zum Trotz immer wieder aus dem Sarg der Literaturgeschichte. Schon im Jahre 1879 klagte Hermann Hettner: "Neuerdings ist es Mode geworden, Lenz als einen großen Dichter zu preisen; dennoch wird es wohl bei dem alten Urteil Wielands sein Bewenden haben, ... Lenz habe viel Imagination und keinen Verstand, viel Begehrlichkeit und wenig wahre Zeugungskraft."

Das ist ein wenig aus dem Tempel der Weimarer Klassik gesprochen, dem der voreilig als "Affe Goethes" abgestempelte kritische Realist Lenz in dem Fragment "Die Kleinen" deutlich den schmalen Rücken gekehrt hatte: "Lebt wohl große Männer, Genies, Ideale, euren hohen Flug mach ich nicht mehr mit, man versengt sich. Schwingen und Einbildungskraft, glaubt sich einen Gott und ist ein Tor. Hier wieder auf meine Füße gekommen wie Apoll, als er aus dem Himmel geworfen ward, will ich unter den armen zerbrochener, schwachen Sterblichen umhergehen und von ihnen lernen, was mir fehlt, was euch fehlt – Demut."

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Damit nimmt der am 23. Januar 1751 in Livland geborene Lenz schon die Kritik von Börne und dem Jungen Deutschland an der deutschen Klassik vorweg, wie er überhaupt nach Theorie und Praxis mehr in die Richtung Büchner, Brecht Dürrenmatt vorausweist als zurück zu den poetischen Gepflogenheiten seiner Zeit.

Gewiß, er stellt auch einen Idealtyp des Sturm und Drang, ein entscheidendes Ferment der Säkularisation dar, aber er ist doch vor allem, was Louis Sebastien Mercier in Frankreich war: ein Reformer der Literatur und des sozialen Lebens.

In seinen Dramen nimmt er die Menschen, so steht es in "Der neue Menoza", "lieber wie sie sind, ohne Grazie, als wie sie aus einem spitzigen Federkiel hervorgehen".

Er lehnt sich auf gegen jede Art von Despotie und Unterdrückung, "denn ein Ball anderer zu sein, ist ein trauriger niederdrückender Gedanke, eine ewige Sklaverei", und stellt das Handeln über den ästhetischen Genuß: "Handeln macht glücklicher als Genießen. Das Tier genießt auch."

Bereits in seinen Goethe zugeschriebenen "Anmerkungen übers Theater" skizziert er sein betont antiästhetisches Programm: Er schätzt "selbst den Karikaturmaler zehnmal höher als den idealischen ... denn es gehört zehnmal mehr dazu, eine Figur mit eben der Genauigkeit und Wahrheit darzustellen, mit der das Genie sie erkennt, als zehn Jahre an einem Ideal der Schönheit zu zirkeln, das endlich doch nur in dem Hirn des Künstlers, der es hervorgebracht, ein solches ist."

Er fordert vom Dichter einen festen "Standpunkt" und analysiert den Zusammenhang von literarischer Gattung und Gesellschaft. Der Zuschauer soll nicht genießen, sondern sich für die Sache interessieren, für das, was der Dichter ihm vorspiegelt.

Im Zweifelsfalle ist Lenz immer für die Praxis und gegen die Theorie, für das Leben und gegen die Kunst. Wie nach ihm Schiller reflektiert er in seinen theoretischen Spekulationen immer wieder zurück auf die Existenz; denn das größtmögliche Vergnügen" besteht auch für ihn "in dem größten Gefühl unserer Existenz, unserer Fähigkeiten, unseres Selbst". Alles, was zur menschlichen Ich- oder Existenzerweiterung beiträgt, dient deshalb den "beiden Grundtrieben" der menschlichen Natur, dem "Trieb nach Vollkommenheit" und dem "Trieb nach Glückseligkeit".

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Aber die idealistische und existenzphilosophische Utopie biegt der zeit seines Lebens um Selbständigkeit, um den Entwurf seiner eigenen Existenz ringende Rollenkünstler, der nur allzu leicht der Verführung zur Nachahmung unterliegt, zur realistischen Frage zurück: "Wie denn, ich nur ein

Jakob Michael Reinhold Lenz

12. Januar 1751 – 24. Mai 1792

Im Buchhandel erhältliche Ausgaben:

"Werke und Schriften", 2 Bände, herausgegeben von Britta und Hellmut Haug, Band I: "Gedichte, Prosadichtungen, Theoretische Schriften"; Goverts Verlag, Stuttgart; Bd. I 712 S., 38,– DM, Bd. II 827 S., 42,– DM

"Gesammelte Werke in vier Bänden", Band I: "Dramen I", Anmerkungen und herausgegeben von Richard Daunicht; Wilhelm Fink Verlag, München; 433 S., Subskr.-Preis 29,50 DM, einzeln 36- DM

"Werke und Schriften", herausgegeben von Richard Daunicht; rk 528/9, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 250 S., 3,80 DM

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"Der Hofmeister"; RUB 1376, Reclam Verlag, Stuttgart; 1,- DM

"Die Soldaten"; RUB 5899, Reclam Verlag, Stuttgart; 1,- DM

Ball der Umstände? ich –? ich gehe mein Leben durch und finde diese traurige Wahrheit hundertmal bestätigt."

Es ist schon der Blick in die Leere, ins Nichts, von dem dann Büchner ausschließlich sprechen wird, während sich Lenz gerade noch auf den pietistischen und christlichen Ausgangspunkt zurückziehen kann: auf das fühlende und denkende Ich, den "Funken Gottes", die "scintilla animae", mit der sich der Mensch "über seine Umstände hinaussetzt" und "zur Selbständigkeit hinaufarbeitet".

In seinen Dramen, den Exempeln der realen Verhältnisse, fehlt, der optimistische Ausgriff in die Theorie, dominieren Kritik und Skepsis, wie es die Feststellung Strephons ("Die Freunde machen den Philosophen") beispielhaft ausdrückt: "Der Mensch ist so geneigt, sich selber zu betrügen; hat er Verstand genug, sich vor seiner Eigenliebe zu verwahren, so kommen tausend andere und vereinigen ihre Kräfte, seine entschlafene Eigenliebe zu wecken, um den Selbstbetrug unerhört zu machen."

Schon früh hat Lenz geahnt, daß er auf dem großen Theater der Welt nicht die passende Rolle finden und deshalb sein äußerliches und innerliches Glück versäumen werde. An Friederike Brion schrieb der Kranke (der Brief wurde nicht befördert, weil der als Pfarrer wohlbestallte Bruder die Portoauslagen scheute) von St. Petersburg aus (27. März 1780): "Unglücklich genug ist der, der durch seine Situation dazu gezwungen ist. Er hat sich aufgezehrt, eh er zu leben begonnen."

Aufgewachsen "unter dem braunen Himmel" des russischen Grenzlands Livland, dem Bärenwinkel der deutschen Zivilisation", wo die Adeligen und Geistlichen auf Kosten ihrer leibeigenen Esten und Letten lebten, wo man Klatsch und die Jagd über alle geistigen Interessen stellte, wo moralisch eifernde Pietisten mit sozial gesinnten Rationalisten in Fehde lagen, als Sohn eines fanatischen, despotischen, ebenso sittenstrengen wie selbstgerechten Vaters und einer zur Melancholie neigenden Mutter, machte Jakob Michael Reinhold Lenz schon als Knabe die Erfahrung seines Prinzen Tandi: "Was ihr Empfindung nennt, ist verkleisterte Wollust, was ihr Tugend nennt, ist Schminke, womit ihr Brutalität bestreicht. Ihr seid wunderschöne Masken mit Lastern und Niederträchtigkeiten ausgestopft wie ein Fuchsbalg mit Heu, Herz und Eingeweide sucht man vergeblich, die sind schon im zwölften Jahr zu allen Teufeln gegangen."

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Er besuchte in Dorpat die "Lateinische Stadtschule", lernte früh Französisch und ein wenig Russisch, wurde von einem Pastor zu einem religiösen Gedicht ("Der Versöhnungstod Jesu Christi") ermuntert, kostete religiöse Erlebnisse literarisch aus, zunächst mit Klopstocks "Messias", dann mit Youngs "Nachtgedanken", pries den Tod als "großen Lehrer der Tugend und des Glücks", nannte das Leben gehorsam einen trüben Traum", imitierte mit Messias-Ton in dem langen Gedicht "Die Landplagen" die Strafpredigten seines Vaters, der jede Art von Unglück zum Kummer seiner Gemeinde laute eineinhalb Stunden lang als Gottesrache auslegte, malte auffallend realistisch "zwei Reihen scheußlicher Zähne" eines armen Erschlagenen, wußte lebensnah und munter Reiseerlebnisse nach Hause zu berichten und wie ein Hofdichter die Reize Katharinas II., der "nordischen Semiramis", zu rühmen. –

Er besaß zweifelsohne etwas Koboldartiges, eine "knabenhafte Lust zu Großtaten", zu "Affenstreichen" und "närrischen Kapriolen", wie Erich Schmidt meint. Sein Charakter schillert zwischen extremen Lebenshaltungen, zwischen Ausschweifung und Weltflucht.

Oft zwingt Lenz sein Gewissen, sein väterliches Über-Ich, das ihm reihenweise Strafpredigten, aber keine einzige Kopeke ins Haus schickt, zur pietistischen Perspektive. Dann kommt es zu psychischen Störungen, zu Verfolgungswahn, zur Flucht oder zur religiösen Zerknirschung. Seine Seele "kriecht" dann zusammen, wie ein Insekt, das von einem plötzlichen kalten Winde berührt worden", wie er einmal an Salzmann schreibt.

Immer wieder ist es die Familie, die ihn erschüttert, aus dem Konzept bringt, kaum daß er sich einmal gefunden hat. In Königsberg, wo er Theologie studiert, wo er Rousseau, Shakespeare, Ossian, Pope, Sterne, Fielding, Young und Goldsmith liest Und den Magister Imanuel Kant hört, erfolgt der erste "Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit". Er studiert auf Kosten der "Armenkasse" seiner Heimatstadt und belehrt fast selbstbewußt den immer wieder mit dem kärglichen Zuschuß geizenden Vater: "Praenumeration ist notwendig, wenn ein Student gut wirtschaften will und also ist ihm im Anfang des Jahres immer Geld unentbehrlich." Der plötzliche Abbruch seines Studiums kurz vor dem Examen ist nicht nur ein mehr oder weniger bewußtes Ausweichen vor dem drohenden Priesterberuf, sondern auch und vor allem eine Flucht vor dem Vater.

Als "Mentor und Genosse" zweier Barone von Kleist, die sich in französische Kriegsdienste begeben wollten und ihm Tisch und Unterkunft zusicherten, zog er 1771 über Berlin nach Straßburg, wo er in der eben aufgehenden literarischrevolutionären Jugendbewegung des Sturm und Drang bald seine geistige Heimat fand. Sein Kopf schwirrte voller Pläne und Projekte, so daß er keinen Schlaf finden konnte: Er dachte an eine Laufbahn als Jurist, dann an eine militärische Karriere, oft sah er sich auch mit seinem merkwürdigen Hobby für Fortifikation und Strategie als Berater eines Fürsten- oder Königshauses in Deutschland oder Rußland. Aber es blieb wie so vieles in seinem Leben bei der Hoffnung.

Obwohl in dieser Zeit seine wichtigsten Dramen und Aufsätze entstanden sind, scheint der Druck der Umgebung und der Verhältnisse nicht von ihm gewichen zu sein. Im März 1776 spielt er in einem Brief an Merck ohne das leiseste Anzeichen von joy of grief auf diesen deprimierenden Zustand an: "Meine Gemälde sind alle noch ohne Stil, sehr wild und nachlässig aufeinander gekleckt... Mir fehlt zum Dichter Muße und warme Luft und Glückseligkeit des Herzens, das bei mir tief auf den kalten Nesseln meines Schicksals halb im Schlamm versunken liegt und sich nur mit Verzweiflung emporarbeiten kann."

Nach einem Bruch mit den Kleists inskribierte er sich in Straßburg im Wintersemester 1774/75 als Student der Theologie, vermutlich auf Drängen der Familie, wobei er sich – bar jeglicher Unterstützung – mühsam durch Privatstunden ernährte. Daneben hielt er Vorträge in der von ihm angeregten "Deutschen Gesellschaft", bis er in einem plötzlichen Entschluß, so scheint es wenigstens, im März 1776 Straßburg verließ und über Darmstadt und Frankfurt, wo er im Elternhaus Goethes mit Merck, Klinger und Wagner Station machte, nach Weimar reiste.

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Hier ließ sich zunächst alles aufs beste an: "Wieland Goethe und ich leben in einer seligen Gemeinschaft, erstere beide morgens in ihren Gärten, ich auf der Wiese wo die Soldaten exerzieren, nachmittags treffen wir uns oben beim Herzog."

Kein Wunder, daß er bald in Sturm-und-Drang-Manier über die höfischen Stränge haute und "alle Tage regelmäßig seinen dummen Streich machte. Der große "Bruder in Apollo", Goethe, der zwar einmal vorgegeben hatte, den "trefflichen Jungen" wie "seine Seele" zu lieben, sah durch eine "Eselei" Lenz’, über die wir leider nichts Genaues wissen, seine damals noch keineswegs gefestigte Stellung bei Hofe gefährdet. Trotz der Vermittlung Herders und Knebels mußte Lenz sein Bündel schnüren, Weimar, die fast schon Wirklichkeit gewordene Heimat, verlassen und sich wieder auf ruhelose Wanderschaft begeben.

Zunächst suchte der ausgestoßene und "verlorene Sohn", wie ihn seine Familie so häufig nannte, daß er es am Ende selber glaubte, Trost bei der Schwester und dem Schwager Goethes, reiste nach Basel, Zürich, Schaffhausen, bis gegen Ende 1777 in der Umgebung des "Kraftapostels" und "Gottesspürhundes" Kaufmann der physische und seelische Zusammenbruch erfolgte. Im Januar 1778 wanderte Lenz, ein schwerkranker Mann, allein über die Vogesen zum Pfarrer Oberlin, wie es Georg Büchner in seiner Erzählung eindringlich beschrieben hat. Er vollzog ein Reinigungsritual im Wassertrog, unternahm mehrere Selbstmordversuche, tobte, wütete und war dann wieder still, fast sanft; oder er fastete, bestreute sein Haupt mit Asche, kleidete sich in ein härenes Gewand und wollte ein Mädchen vom Tode erwecken, das zufällig Friederike hieß; oder er betete ganze Nächte, hielt sich für unrein, sündig und verlangte seine Bestrafung.

Oberlin schickte den kranken Lenz zu Schlosser, der ihn zuerst aufopfernd pflegte, aber dann auch ratlos wurde, als sich die Anfälle mehrten und die Familie nur "lange Predigten" schickte oder schwieg. Schließlich gestand der Generalsuperintendent von Livland in spe brieflich dem Herzog von Weimar, der für den Kranken bezahlte, wie sein Herz, so oft er seines Sohnes gedenke, "in Stücken" bräche und daß er ihn "willig, obgleich unter tausend Vatertränen", seinem Gott "hinopfern" würde. Aber der theologische Vater wurde vorläufig noch nicht erhört, sondern sah sich gezwungen, seinen verlorenen Sohn im Juni 1779 durch einen Bruder über Lübeck nach Riga heimholen zu lassen, wobei die beiden wegen des zu knapp bemessenen Reisegelds noch ein gut Stück zu Fuß gehen mußten.

Fast wie Hohn klingt ein Brief, den der verzweifelte Lenz aus Moskau (etwa 1790) geschrieben und in dem der Wahnsinn schon Spuren hinterlassen hat: "Teurester mit unsterblichem Ruhm von oben geschmückter verehrungswerter Papa! Nicht Schmeichelei, die reinste Dankbarkeit beseelt meine Feder. Ich lebe – aber Ihnen die Wahrheit zu sagen, danke es nur dem allgegenwärtigen, daß ich noch atme – ... Aber – teurester Vater! ich winde mich als ein Wurm im Staube und flehe um Erlösung von andern Anmutungen, die bei dem seltsamen Nationalcharakter hier – mir Gift werden."

Die Krankheit, 1776 zum erstenmal ausgebrochen, dann wieder verschwunden, hatte seit der Übersiedlung von Petersburg nach Moskau (1781) zugenommen. Doch selbst "in seinem Irrsein setzten", wie der Augenzeuge Karamzin berichtet, "seine poetischen Ideen in Erstaunen". Oft streifte er ziellos in der Umgebung der Stadt herum, "übernachtet einmal in einem wüsten Garten und wird bis aufs Hemd bestohlen". Am 24. Mai (alte Zeitrechnung) 1792 fand man ihn tot in einer der Straßen Moskaus.

Im sogenannten "Intelligenzblatt" der Allgemeinen Literaturzeitung stand der Nekrolog eines Kollegen seines Vaters: "Moskau, den 24. Mai (alte Zeitrechnung) 1792 fand man ihn Lenz ... Er starb, von wenigen betrauert, und von keinem vermißt. Dieser unglückliche Gelehrte verlebte den besten Teil seines Lebens in nutzloser Geschäftigkeit, ohne eigentliche Bestimmung. Von allen verkannt, gegen Mangel und Dürftigkeit kämpfend, entfernt von allem, was ihm teuer war, verlor er doch nie das Gefühl seines Wertes; sein Stolz wurde durch unzählige Demütigungen noch mehr gereizt und artete endlich in jenen Trotz aus, der gewöhnlich der Gefährte der edlen Armut ist."

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Zwar pflegt bei Dichtern, wie Hermann Hettmer in seiner "Geschichte der deutschen Literatur im 18. Jahrhundert" ungerührt feststellt, das "Unglück zu versöhnen", aber im Falle von Jakob Michael Reinhold Lenz stand lange Zeit einer gerechten Würdigung seiner literarischen Leistung, die er selbst im "Pandämonium Germanikum" recht bescheiden eingeschätzt hat, das Urteil Goethes und seiner Anhänger im Weg.

Nichtsdestoweniger fand er früh beredte Verteidiger in Paul Theodor Falck aus Reval, Georg Sivers aus Riga und Wendelin von Maitzahn aus Weimar, die Erich Schmidt, der Verfasser der eleganten Charakteristik "Lenz und Klinger – Zwei Dichter der Geniezeit" (Berlin 1878), einmal die "Priester des Lenz-Kultes" nannte. Noch M. N. Rosanow, dem wir die immer noch umfassendste Monographie ("Jakob M. R. Lenz, der Dichter der Sturm- und Drangperiode – Sein Leben und seine Werke", Leipzig 1909) verdanken, teilte die Literatur über Lenz in zwei Hauptrichtungen ein, in eine anklagende und eine panegyrische. Erst die neueren Arbeiten haben damit begonnen, die vielfältigen Perspektiven des Werkes sine ira et studio zu erschließen.

Es handelt sich dabei vor allem um die Spezialuntersuchungen und Interpretationen von Heinz Otto Burger (über "Der Hofmeister"), Richard Daunicht ("Lenz und Wieland", Dresden 1942), Elisabeth Genton ("Jacob Michael Reinhold Lenz et la Scene Allemande", Paris 1966), René Girard ("Lenz 1751–1792, Genese d’une dramaturgie du tragicomique", Paris 1968), Karl S. Guthke (über "Der Hofmeister" und "Die Soldaten"; außerdem in "Geschichte und Poetik der deutschen Tragikomödie", Göttingen 1961), Walter Hinck (in "Das deutsche Lustspiel des 17. und 18. Jahrhunderts und die italienische Komödie", Stuttgart 1965), Walter Höllerer (über "Die Soldaten"), Gert Mattenklott ("Melancholie in der Dramatik des Sturm und Drang", Stuttgart 1968), Ottomar Rudolf ("J. M. R. Lenz – Moralist und Aufklärer", Bad Homburg 1970), Albrecht Schöne (in "Säkularisation als sprachbildende Kraft – Studien zur Dichtung deutscher Pfarrersöhne", Göttingen 1958), Britta Titel (" ‚Nachahmung der Natur‘ als Prinzip dramatischer Gestaltung", Diss. Frankfurt 1962).

Die Briefe von Lenz liegen in einer älteren, von Karl Freye und Wolfgang Stammler besorgten Edition vor ("Briefe von und an J. M. R. Lenz", Leipzig 1918, 2 Bände).

Da die ersten Werkausgaben von Ludwig Tieck (3 Bände, Berlin 1828), Ernst Lewy (4 Bände, Berlin 1909) und Franz Blei (5 Bände, München/Leipzig 1909–1913) von Text und Kommentar her wenig zuverlässig waren, befand sich die Lenz-Forschung lange in einer mißlichen Situation, die Britta Haug und Hellmut Haug im Vorwort zur ersten modernen, bei Goverts erschienenen Ausgabe ("Werke und Schriften") folgendermaßen dargestellt haben: "Der Dichter J. M. R. Lenz zählt bisher nicht zu den Klassikern der deutschen Literatur. Seit Jahrzehnten fehlt eine Ausgabe seiner Werke auf dem Büchermarkt, eine Gesamtausgabe gab es nie, von den mehr oder weniger umfangreichen Teilsammlungen bietet keine einen zuverlässigen Text." Die Herausgeber dieser Edition erheben zwar keinen Anspruch auf eine textkritische Ausgabe, stützen sich aber doch, soweit es möglich war, auf Handschriften und Erstdrucke;

Richard Daunicht, der 1940 noch die inzwischen als verschollen geltende Handschriftensammlung in Berlin einsehen konnte, hat den ersten Bandeiner großen Lenz-Ausgabe bei Wilhelm Fink. ("Gesammelte Werke in vier Bänden"), vorgelegt, welche vom Verlag als die bisher vollständigste Edition angekündigt wird.

Vergleicht man die beiden Ausgaben von Goverts und Fink, so muß. man zunächst auf die verschiedenen Zielsetzungen verweisen. Die erste beschränkt sich auf eine – allerdings durchaus überzeugende – Auswahl der wesentlichen Arbeiten des vermeintlichen "Nachahmers Goethes", die zweite dagegen "strebt nach größtmöglicher Vollständigkeit". Beide Editionen geben in einem umfangreichen und mit Sorgfalt zusammengestellten Anmerkungsteil Auskunft über die Textlage, Entstehungsgeschichte des jeweiligen Werks oder der jeweiligen Schrift, außerdem reichliche Hinweise auf die Literatur und ausführliche Sacherklärungen. Beide Editionen haben auch die zum Teil recht eigenwillige Schreibweise und Zeichensetzung Lenzens behutsam systematisiert, wobei Richard Daunicht sich allerdings mehr an die Originale hält als Britta Titel und Hellmut Haug.

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Bei den von Karl S. Guthke und Manfred Windfuhr mit Nachworten versehenen Reclam-Ausgaben von "Der Hofmeister" und "Die Soldaten" vermißt man einen hilfreichen Apparat mit Erläuterungen.

Das gilt auch für den von Richard Daunicht besorgten Rowohlt-Band, dessen Auswahl außerdem nicht so recht einleuchten will: Für Seminar und Schule wären bestimmt die "Anmerkungen übers Theater" (zusammen mit "Über Götz von Berlichingen", "Rezension des Neuen Menoza" oder "Versuch über das erste Prinzipium der Moral") zweckdienlicher gewesen als die "Meinungen eines Laien".

Von den großen Ausgaben lassen sich also, um die Summe zu ziehen, der Textgestalt, der Art der Bearbeitung und Kommentierung nach beide mit unerheblichen Abstrichen empfehlen, wobei sich der Fachmann wohl besser an. die Edition von Richard Daunicht hält, die mit ihren vier Bänden endlich das Gesamtwerk von Lenz, zumindest was davon bis heute bekannt ist, überschaubar machen wird.

Als populäre Ausgabe vermag jedoch die bei Goverts erschienene Sammlung von "Werken und Schriften" selbst höheren Ansprüchen zu genügen.

Für eine neue Beschäftigung mit dem Schriftsteller Jakob Michael Reinhold Lenz sind also nun. die Voraussetzungen geschaffen – denn die "Zeit ist. gekommen"; wie Hans Mayer in seinem kenntnisreichen "Nachwort" zur Goverts-Ausgabe ausführt, "hinter der angeblich nutzlosen Geschäftigkeit die wirklichen Absichten des Schriftstellers und Gesellschaftsreformers Lenz zu suchen". Man könnte nun in der Tat damit beginnen, Werk und Leben dieser vermeintlichen "Composition von Genie und Kindheit" auch einmal aus dem zeitgeschichtlichen Kontext zu interpretieren.