Damit nimmt der am 23. Januar 1751 in Livland geborene Lenz schon die Kritik von Börne und dem Jungen Deutschland an der deutschen Klassik vorweg, wie er überhaupt nach Theorie und Praxis mehr in die Richtung Büchner, Brecht Dürrenmatt vorausweist als zurück zu den poetischen Gepflogenheiten seiner Zeit.

Gewiß, er stellt auch einen Idealtyp des Sturm und Drang, ein entscheidendes Ferment der Säkularisation dar, aber er ist doch vor allem, was Louis Sebastien Mercier in Frankreich war: ein Reformer der Literatur und des sozialen Lebens.

In seinen Dramen nimmt er die Menschen, so steht es in "Der neue Menoza", "lieber wie sie sind, ohne Grazie, als wie sie aus einem spitzigen Federkiel hervorgehen".

Er lehnt sich auf gegen jede Art von Despotie und Unterdrückung, "denn ein Ball anderer zu sein, ist ein trauriger niederdrückender Gedanke, eine ewige Sklaverei", und stellt das Handeln über den ästhetischen Genuß: "Handeln macht glücklicher als Genießen. Das Tier genießt auch."

Bereits in seinen Goethe zugeschriebenen "Anmerkungen übers Theater" skizziert er sein betont antiästhetisches Programm: Er schätzt "selbst den Karikaturmaler zehnmal höher als den idealischen ... denn es gehört zehnmal mehr dazu, eine Figur mit eben der Genauigkeit und Wahrheit darzustellen, mit der das Genie sie erkennt, als zehn Jahre an einem Ideal der Schönheit zu zirkeln, das endlich doch nur in dem Hirn des Künstlers, der es hervorgebracht, ein solches ist."

Er fordert vom Dichter einen festen "Standpunkt" und analysiert den Zusammenhang von literarischer Gattung und Gesellschaft. Der Zuschauer soll nicht genießen, sondern sich für die Sache interessieren, für das, was der Dichter ihm vorspiegelt.

Im Zweifelsfalle ist Lenz immer für die Praxis und gegen die Theorie, für das Leben und gegen die Kunst. Wie nach ihm Schiller reflektiert er in seinen theoretischen Spekulationen immer wieder zurück auf die Existenz; denn das größtmögliche Vergnügen" besteht auch für ihn "in dem größten Gefühl unserer Existenz, unserer Fähigkeiten, unseres Selbst". Alles, was zur menschlichen Ich- oder Existenzerweiterung beiträgt, dient deshalb den "beiden Grundtrieben" der menschlichen Natur, dem "Trieb nach Vollkommenheit" und dem "Trieb nach Glückseligkeit".