"Der Hofmeister"; RUB 1376, Reclam Verlag, Stuttgart; 1,- DM

"Die Soldaten"; RUB 5899, Reclam Verlag, Stuttgart; 1,- DM

Ball der Umstände? ich –? ich gehe mein Leben durch und finde diese traurige Wahrheit hundertmal bestätigt."

Es ist schon der Blick in die Leere, ins Nichts, von dem dann Büchner ausschließlich sprechen wird, während sich Lenz gerade noch auf den pietistischen und christlichen Ausgangspunkt zurückziehen kann: auf das fühlende und denkende Ich, den "Funken Gottes", die "scintilla animae", mit der sich der Mensch "über seine Umstände hinaussetzt" und "zur Selbständigkeit hinaufarbeitet".

In seinen Dramen, den Exempeln der realen Verhältnisse, fehlt, der optimistische Ausgriff in die Theorie, dominieren Kritik und Skepsis, wie es die Feststellung Strephons ("Die Freunde machen den Philosophen") beispielhaft ausdrückt: "Der Mensch ist so geneigt, sich selber zu betrügen; hat er Verstand genug, sich vor seiner Eigenliebe zu verwahren, so kommen tausend andere und vereinigen ihre Kräfte, seine entschlafene Eigenliebe zu wecken, um den Selbstbetrug unerhört zu machen."

Schon früh hat Lenz geahnt, daß er auf dem großen Theater der Welt nicht die passende Rolle finden und deshalb sein äußerliches und innerliches Glück versäumen werde. An Friederike Brion schrieb der Kranke (der Brief wurde nicht befördert, weil der als Pfarrer wohlbestallte Bruder die Portoauslagen scheute) von St. Petersburg aus (27. März 1780): "Unglücklich genug ist der, der durch seine Situation dazu gezwungen ist. Er hat sich aufgezehrt, eh er zu leben begonnen."

Aufgewachsen "unter dem braunen Himmel" des russischen Grenzlands Livland, dem Bärenwinkel der deutschen Zivilisation", wo die Adeligen und Geistlichen auf Kosten ihrer leibeigenen Esten und Letten lebten, wo man Klatsch und die Jagd über alle geistigen Interessen stellte, wo moralisch eifernde Pietisten mit sozial gesinnten Rationalisten in Fehde lagen, als Sohn eines fanatischen, despotischen, ebenso sittenstrengen wie selbstgerechten Vaters und einer zur Melancholie neigenden Mutter, machte Jakob Michael Reinhold Lenz schon als Knabe die Erfahrung seines Prinzen Tandi: "Was ihr Empfindung nennt, ist verkleisterte Wollust, was ihr Tugend nennt, ist Schminke, womit ihr Brutalität bestreicht. Ihr seid wunderschöne Masken mit Lastern und Niederträchtigkeiten ausgestopft wie ein Fuchsbalg mit Heu, Herz und Eingeweide sucht man vergeblich, die sind schon im zwölften Jahr zu allen Teufeln gegangen."