Gegenüber Ende 1969 haben sich die Kurse der Versicherungsaktien meist um 20 bis 30 Prozent ermäßigt. Gemessen an der Ertragssituation der Versicherungsunternehmen stellt das noch eine sehr maßvolle Korrektur dar. "Es ist mit Sicherheit vorauszusehen, daß in den Jahren 1970 und 1971 der gesamte Markt tief in die roten Zahlen gerät, wenn nicht die Anpassung der Tarife an die Schaden- und Kostenentwicklung gelingt", erläuterte Ernst Meyer, Präsident des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft, kürzlich in Berlin die Situation. Meyer meint, daß einige Versicherungsunternehmen ihre Dividenden kürzen müßten. Ohne Rückgriff auf die Reserven werde es keinesfalls gehen. "Aber Konkurse wird es nicht geben", beendete Meyer tröstend seine düstere Prognose.

Wenn von "roten Zahlen" und "Konkursen" in einer Branche gesprochen wird, die sich weitgehend auf das Vertrauen ihrer Kundschaft stützen muß, ist das sicherlich mehr als professionelles Gestöhne eines Verbandsvorsitzenden, auch wenn er gerade darum kämpft, daß das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen nun endlich die im Mai dieses Jahres beantragte Tariferhöhung in der Kraftfahrzeug-Haftpflicht-Versicherung genehmigt. Hier steckt ohne Zweifel eine der größten Verlustquellen. 1969 hüte das Defizit in dieser Sparte 360 Millionen Mark betragen. 1970 rechnet man mit einem Verlust von 1 Milliarde Mark. Daswären 20 Prozent der vermutlich um 10 Prozent auf 5,6 Milliarden Mark steigenden Prämie. Da Tarife nicht für die Vergangenheit aufgestellt werden, sondern doch mindestens für die beiden kommenden Jahre Gültigkeit haben, also die vermutlichen Schadenskosten auch noch für 1971 und 1972 decken müßten, hätte die Prämienerhöhung erheblich über 20 Prozent zu liegen. Im Durchschnitt scheint es auf eine Prämienerhöhung von 26 Prozent hinauszulaufen. Ob sie in dieser ganzen Höhe per 1. Januar 1971 vorgenommen wird, ist eine politische Frage. Die Bundesregierung sieht Preiserhöhungen, auf die sie Einfluß hat, lieber in Etappen.

In Sachen Kraftfahrzeug-Haftpflicht können sich die Sachversicherer noch auf den Staat herausreden, der ihnen zur Zeit keine schadensgerechten Prämien mehr zubilligt. Für alleanderen Sparten, hauptsächlich für die Industrie-Feuerversicherung, gilt dies jedoch nicht. Der harte Wettbewerb der einzelnen Versicherungen untereinander hat in einigen Bereichen vernünftig kalkulierte Prämien verhindert. Dieser Wettbewerb scheint mir, meine verehrten Leser, allmählichbedrohlich zu werden. Es wird Prämienerhöhungen geben müssen, aber auch Fusionen, denn der Zwang zu Zusammenschlüssen wird immer größer werden. Daraus dürften sich für einzelne Versicherungsaktien interessante Sonderbewegungen ergeben. Deshalb ist allgemeiner Pessimismus für diese Aktiensparte keinesfalls angebracht.

Versicherungsaktien sind seit jeher Papiere für Spezialisten gewesen. Sie werden es mehr denn je sein. Denn wer die engen Verzahnungen zwischen den einzelnen Versicherungsgruppen nicht kennt, kann sich auch kein rechtes Bild über die Berechtigung gewisser Kurse machen. Hinzu kommt, daß Versicherungsbilanzen sehr schwer "zu lesen" und zu analysieren sind. Die Gesellschaften haben etliche bilanztechnische Möglichkeiten, tatsächlich eingetretene Gewinnminderungen oder Verluste nicht in vollem Umfang sichtbar werden zu lassen. Sie können stille Reserven auflösen, ohne daß es der Bilanzleser sieht, und auf diese Weise eine "Stärke" vorgaukeln, die in Wirklichkeit nicht vorhanden ist.

Es ist zu befürchten, daß gerade die "schwäche-

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ren" Versicherungen mit Bilanzkosmetik arbeiten werden, während die starken Unternehmen – um gegenüber ihrer Kundschaft die Berechtigung unumgänglich gewordener Prämienerhöhungen zu unterstreichen – sowohl die Verluste aus dem Versicherungsgeschäft als auch die erheblichen Abschreibungen auf den Effektenbesitz voll ausweisen werden.