Fast 100 000 spanische Arbeiter legten in der vorigen Woche die Arbeit nieder, um für eine Amnestierung der etwa 1200 politischen Häftlinge Spaniens zu demonstrieren. Die Streiks dauerten zwischen fünf Minuten und 24 Stunden; in Madrid beteiligten sich etwa 30 000 Arbeiter.

Da sich nur knapp drei Prozent der arbeitenden Bevölkerung dem Streikaufruf anschlössen und nur etwa 4000 junge Arbeiter und Studenten an Demonstrationen in Madrid teilnahmen, spricht die Regierung von einem "völligen Fehlschlag". Die halb geduldeten, halb verbotenen Comisiones Obrieras, die den Streik organisierten, sind dagegen mit dem Erfolg zufrieden: Sie weisen darauf hin, daß es zum erstenmal gelang, im ganzen Land gleichzeitig und zentral gelenkt eine rein politische Aktion mit einem sichtbaren Ergebnis zustande zu bringen.

Durch diese "Generalprobe" ist die Möglichkeit eines Generalstreiks, den die Comisiones häufiger angedroht haben, größer geworden. So trat auch die spanische Polizei ungewöhnlich zurückhaltend auf. Sie vermied jede Provokation und Gewaltanwendung und verhaftete "nur" etwa 120 Personen.

Die Mäßigung der Regierung erklärt sich auch aus den Gemeindewahlen, die – abgesehen von Barcelona – bald in ganz Spanien abgehalten werden. Mitte September erließ die Regierung Durchführungsbestimmungen zum Wahlgesetz, die eine demokratische Entscheidung praktisch ausschließen.

In den "politischen Warnstreiks" und den anschließenden Protesten gegen die Verhaftungen drückte sich die allgemeine Unzufriedenheit der Arbeiterschaft aus. Die seit Oktober 1969 amtierende Regierung verfolgt in entscheidenden Punkten – z. B. bei dem Syndikatsgesetz, das die Beziehungen zwischen Arbeit, Staat und Kapital neu regeln soll – einen härteren Kurs als ihre Vorgängerin.

Das Mißvergnügen kam schon bei den Kommunalwahlen in Barcelona zum Ausdruck: Nur 19,2 Prozent der Wahlberechtigten gingen zur Urne.