Südamerika sucht seinen Weg ins 20. Jahrhundert

Von Lorenz Stucki

Mehrere Monate lang hat Lorenz Stucki in sieben südamerikanischen Ländern die Aussichten des Fortschritts untersucht Seine Bilanz: Das Klischee der Ausbeutung ist falsch

In fast allen Ländern Südamerikas sind die Massen passiv eingestellt. Sie nehmen die Zustände im Sozialen, Wirtschaftlichen, Politischen hin wie Regen und Sonnenschein. In dieser Mentalität sehe ich den Hauptgrund für die Rückständigkeit des Kontinents. Es gibt jedoch heute drei Hauptgruppen von Leuten, die sich aktiv für eine Veränderung der Verhältnisse einsetzen und die Probleme anzupacken versuchen:

1. Sozialhelfer, wie die lnitianten der "Pueblos Jovenes"-Bewegung, Laien und Geistliche, Einheimische und in großem Maß auch Ausländer. Ihr Ziel ist die Überwindung oder wenigstens Milderung sozialer Notlagen im konkreten Bereich einer Gemeinde, eines Dorfes oder eines Stadtviertels. Ihre Methode ist in erster Linie erzieherisch: Sie wollen die hilflosen Leute lehren, wie sie sich selbst helfen können. Sie bemühen sich, ihnen in Kursen und Schulen das dazu nötige Rüstzeug zu vermitteln. Ihre Arbeit ist mühsam, wenig spektakulär und scheinbar bloß ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch gegenüber der südamerikanisch-katholischen Tradition, sich im Blick auf das bessere Jenseits mit den Übeln und Ungerechtigkeiten dieser Welt einfach abzufinden, wird hier eine neue Gesinnung wirksam. Wenn sie sich beispielgebend ausbreitet, mag sie die Gesellschaft in den südamerikanischen Ländern in tieferer Weise verändern als die vielen Umstürze, die meist nur Machtwechsel sind.

2. Die Revolutionäre: Sie betrachten die Aktivität der "Sozialhelfer" mit Geringschätzung. Ihr Motiv ist nicht in erster Linie sozial, sondern politisch. Sie halten nichts davon, einer Gruppe, von Menschen praktisch zu helfen, sie wollen die gesellschaftlichen Strukturen grundlegend ändern, um so die großen und grundsätzlichen Probleme zu lösen und nicht nur die lokalen kleinen Probleme der Wasserversorgung und des Schulbaus. Einerseits wollen sie Verstaatlichung, die Zerschlagung der ausbeuterischen Macht des ausländischen und inländischen Kapitals, andererseits die politische Machtübernahme des Volkes, das heißt der Revolutionäre. Zu dieser Gruppe gehören Studenten (vor allem der Geistes- und Sozialwissenschaften), Priester (hauptsächlich in den größeren Städten), Professoren, Literaten, Künstler, jedoch so gut wie keine Arbeiter, Bauern oder sonstige Angehörige der sozial unteren Schichten.

Eine sehr kleine Minderheit der ideologischen Revolutionäre praktiziert gewaltsame Guerilla-Tätigkeit in den Großstädten und erreicht durch Überfälle, Entführungen und Morde eine weltweite Publizität, isoliert sich dabei aber von der Masse der Bevölkerung und provoziert eine Verhärtung autoritärer Regime. Doch für die meisten Revolutionäre bleibt Revolution eine Sache der Rhetorik, gelegentlicher Demonstrationen eines oppositionellen und romantisch-idealistischen Lebensgefühls, ohne daß sie einer auf die Sowjetunion, Kuba oder China ausgerichteten kommunistischen Organisation beiträten.