Bei den deutsch-polnischen Verhandlungen konnte bisher in "mehreren Punkten Einigung erzielt werden"; in wesentlichen Fragen bestehen aber nach wie vor Meinungsverschiedenheiten. Das erklärte Außenminister Scheel am Montag zu den in Warschau geführten Verhandlungen. Die gegenseitigen Positionen seien aber soweit aufeinanderzu entwickelt, daß man noch in dieser Woche befriedigende Formulierungen finden werde.

Scheel hatte das Wochenende entgegen früheren Plänen in Polen verbracht und mit seinen polnischen Gesprächspartnern die Stadt Krakau und das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz besucht. Am Montag machte er auf dem Wege nach Brüssel, wo er an der Tagung des EWG-Ministerrats teilnahm, für einen Tag Station in Bonn. Er unterrichtete Bundeskanzler Brandt über den Stand der Verhandlungen und überbrachte ihm eine Einladung des polnischen Ministerpräsidenten Cyrankiewicz, zur Unterzeichnung nach Warschau zu kommen. Cyrankiewicz hatte Scheel unmittelbar vor dem Abflug empfangen.

Der Minister kehrte am Mittwoch nach Warschau zurück. In der Zwischenzeit verhandelten die Arbeitsgruppen weiter über offene Fragen. Die Bemühungen konzentrieren sich auf den Friedensvertragvorbehalt, die Formulierung des Grenzartikels und die Frage der humanitären Erleichterungen, die im Zusammenhang mit der Normalisierung der Beziehungen besprochen werden. Zu dem Komplex der Rückführung Deutscher aus Polen, der für Warschau umfangreiche rechtliche Probleme aufwirft, wird jetzt eine polnische Absichtserklärung erwartet.

Ein Abschluß der "sehr schweren Verhandlungen" – so Scheel – ist noch nicht abzusehen. Trotz der betonten Zurückhaltung, die sich Scheel vor der Presse auferlegte, ist nicht ausgeschlossen, daß die Außenminister Ende dieser Woche oder Anfang nächster Woche den Vertrag paraphieren. In Polen wird bereits von einer "Schlußphase" gesprochen.