Von Gabriel Laub

Professor Laurence J. Peter definiert die Protektion in seinem Buch "Das Peter-Prinzip" als die "Beziehung eines Beschäftigten – durch Blutsverwandtschaft, Heirat oder Bekanntschaft – zu einer Person, die in der Hierarchie über ihm steht". Ich finde diese Definition viel zu eng, und auch für den speziellen Bereich der Amts- und Unternehmenshierarchien, für den sie erdacht wurde, nicht immer zutreffend Man kann ja ein Vetter des Generaldirektors sein und dabei nicht nur keine Protektion haben, sondern auch noch zusätzliche Schwierigkeiten: etwa wenn der mächtige Cousin die ganze Familie der lieben Tante haßt, weil sie ihn als kleinen Jungen einst gezwungen hat, sie zu küssen; oder et kann dem jüngeren Verwandten nicht vergessen, daß er ihn, damals denunziert hat, als er anstatt zur Klavierstunde zu gehen, mit einem Mädchen promenierte. Nein, Blutsverwandtschaft, Heirat oder Bekanntschaften verschaffen zwar Beziehungen, aber nicht unbedingt Protektion.

Ich glaube nicht, daß man die Protektion überhaupt mit nur einer Definition erfassen kann. Schon deshalb, weil es Protegierte und Protektoren gibt, müssen es mindestens zwei sein. Aus der Sicht der Protegierten ist Protektion der Weg zu individuellen Vorteilen, berechtigten oder nichtberechtigten, die man auf Grund des persönlichen Wohlwollens der Protektoren erhält. Für die Protektoren ist Protektion der Weg zur Bestätigung der eigenen Macht und Güte.

Jeder Mensch braucht von irgend jemandem Protektion. Die Behauptung, daß die Fähigen und Qualifizierten ohne sie auskommen können, wollen wir lieber den Kinderlesebüchern überlassen.

Jeder Mensch hat Protektion bei sich selbst; denn man genießt ja bei sich selbst eine besondere Zuneigung, die man sich nicht verdienen muß. Wer diese Eigen-Protektion verliert, begeht Selbstmord; und dieser extreme Fall – die Eigenprotektion – zeigt, daß es für jeden Menschen lebenswichtig ist, protegiert zu werden und zugleich zu protegieren. Jeder Mensch kann jemanden protegieren, also sein Wohlwollen jemandem schenken; sogar ganz kleine Kinder, die völlig auf die Protektion ihrer Eltern angewiesen sind, protegieren diese Eltern dadurch, daß sie sie lieben.

"Protektionsnehmer" haben alle denselben Grund, Protektion zu suchen: Sie brauchen sie einfach; sie können ohne Protektion nicht weiter kommen, manchmal sogar nicht leben.

"Protektionsgeber" haben auch nur einen (oft unbewußten) Grund: sich selbst und anderen zu beweisen, daß sie gutherzige und einflußreiche Menschen sind. Ihre Motive aber sind so mannigfaltig, so ratial und so irrational wie die der Liebe. Man kann jemanden protegieren, den man seit seiner Kindheit kennt, aber auch einen völlig Unbekannten, nur deshalb, weil er sich eben mit Hoffnung und Vertrauen an uns gewendet hat. Man kann jemanden unterstützen, weil man überzeugt ist, daß er der beste Mann für die Stelle ist, die er ohne unsere Protektion nicht bekommen könnte, oder auch aus der Überzeugung, daß er ein Taugenichts ist und ohne Protektion elend untergehen würde. Ein Chef kann aus eigennützigen Überlegungen einen höchst qualifizierten Mann protegieren, der für ihn die ganze Arbeit macht und einen absolut unfähigen, weil der die Stellung des Chefs nicht bedrohen kann.