Wie die Schweiz im Zweiten Weltkrieg ihre Neutralität verteidigte

Von Klaus Urner

Gleich bei Kriegsende im Mai 1945 begann man auch in der Schweiz, mit der Vergangenheit abzurechnen. In vier großen Landesverratsprozessen wurden jene Schweizer verurteilt, die sich – mit dem Nationalsozialismus sympathisierend – gegen die Schweiz vergangen hatten. Personen, die sich in den nationalsozialistischen oder faschistischen Auslandsorganisationen aktiv betätigt hatten, mußten nach sogenannten Säuberungen das Land verlassen. Die Unterzeichner der vertraulichen "Eingabe der 173 in der gutgläubige Schweizer 1940 vom Bundesrat die Absetzung prominenter Chefredaktoren verlangt hatten, wurden durch die nachträgliche Namenspublikation an den Pranger gestellt. Vor allem aber gaben die Behörden in amtlichen Berichten an die Bundesversammlung Auskunft über die antidemokratischen Umtriebe, über die Presse- und Flüchtlingspolitik und über die Kriegswirtschaft. Auch der scheidende General und die Heeresabteilungen legten über die Zeit des Aktivdienstes summarische Rechenschaft ab. Spätestens nach drei Jahren; schien sich die Diskussion um die Kriegsjahre erschöpft zu haben.

Daß eine Abrechnung mit der Vergangenheit nicht auch deren Bewältigung bedeutet, erfuhren die Schweizer erst, als beim Abklingen des "Kalten Krieges" die verdrängten Probleme – vorerst gar vom Ausland her – erneut aufgegriffen wurden. Die rigoros gehandhabte Aktensperrfrist von fünfzig Jahren verhinderte eine wissenschaftliche Untersuchung der umstrittenen Zeit. Nicht einmal die Schweizer Regierung war in der Lage, sich über die Politik ihrer Vorgänger zuverlässig zu informieren. Der Bundesrat beauftragte daher 1962 den angesehenen Basler Historiker Professor Edgar Bonjour, für die Landesregierung einen vertraulichen Bericht über die schweizerische Außenpolitik während des Zweiten Weltkrieges zu schreiben.

Als durch Indiskretionen dieser Auftrag publik geworden war, versuchten mehrere Abgeordnete im Bundesparlament, den Bericht nach der bundesrätlichen "Privatlektüre für stille Stunden" als Geheimdokument in einem Amtssafe verschwinden zu lassen. Anfang September 1969 gab schließlich der Bundesrat den Bericht in ungekürzter Form zur Veröffentlichung frei: als Teil von Bonjours sechsbändigem Standardwerk "Geschichte der schweizerischen Neutralität". Nun ist der letzte jener drei Bände erschienen, die den eigentlichen "Bonjour-Bericht" ausmachen:

Edgar Bonjour: "Geschichte der schweizerischen Neutralität im Zweiten Weltkrieg", in: "Vier Jahrhunderte eidgenössischer Außenpolitik"; Bd. IV–VI: 1939–1945; Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel 1970; 491, 473 u. 433 Seiten, je Bd. Ln. 38,– Ppb. 25,– Fr.

Noch nie ist in der Schweiz ein Geschichtswerk so weit verbreitet worden. In der Öffentlichkeit wurde lebhaft darüber diskutiert; vor allem in der welschen Schweiz gab es einige Erregung. Hier sollen aus der Vielfalt der behandelten Probleme einige herausgegriffen werden, die besonders heftig umstritten waren.