BONN – REPORT

Bonns Presseball, der unter dem Motto "Bonnjunktur" ablief, wurde von den Teilnehmern so unterschiedlich beurteilt wie die Wirtschaftskonjunktur von den Analytikern. Krupp-Bevollmächtigter Berthold Beitz, wie üblich mit weißer Nelke im Frackaufschlag, meinte bedauernd, "der Presseball hat nicht mehr den Pep von früher". Bildungsstaatssekretär Klaus von Dohnanyi dagegen amüsierte sich ausgelassen, strahlte dann und wann wandelnde Schönheiten an und urteilte: "Hier ist heute alles erlaubt."

Franz Josef Strauß, der angeblich wegen Wahlkampfverpflichtungen nicht erschienen war, gab dem üblichen Ballgeflüster Nahrung. Zuvor hatte der Bonner "Express" eine neue Strauß-Nachricht über ein angebliches rechtsorientiertes Komplott gegen die Regierung "enthüllt". Strauß hatte zu seinem 55. Geburtstag einen exklusiven Kreis von Industriellen zu Tisch gebeten. Unter den Gästen hefand sich neben CSU-MdB Wolfgang Pohle auch Friedrich Karl Flick. Der Großindustrielle Herbert Quandt und Zeitungszar Axel Springer warea zwar geladen, aber verhindert. Ein Ballteilnehmer kommentierte die geheime Strauß-Runde: "Die haben Strauß bestimmt nicht nur beglückwünscht, sondern handfeste Politik gemacht."

Eine Ballenttäuschung erlebte Baronin von Wrangel, Ehefrau des parlamentarischen Geschäftsführers der CDU/CSU-Fraktion. Als Alex Möller und Sportstar Heide Rosendahl die Tombola verlosten, wähnte sich die Baronin auf Grund eines, Hörfehlers bereits in Besitz des von Quelle-Chef Gustav Schickedanz gestifteten Mercedes 280 im Werte von 28 000 Mark. Die Schlüssel nahm dann jedoch ein Wiesbadener Kaufmann entgegen. Den zweiten Wagen, einen BMW, zog Finanzminister Möller für Jugoslawiens Botschafter Rudolf Cacinovic, der zuvor noch mit Kanzler Willy Brandt gewitzelt hatte: "Vielleicht ist die Tombola die einzige Möglichkeit, zu einer Entschädigung für Jugoslawien zu kommen. Denn bisher war Ihr Finanzminister immer dagegen und zu sparsam."

Horst Lässing, Assistent beim CDU-Wirtschaftssprecher Gerhard Stoltenberg, erholte sich von den Ballstrapazen in der Bonn-Center-Sauna und orakelte bei 90 Grad über den zu diesem Zeitpunkt noch ungewissen Wahlausgang der FDP in Hessen. Lässings Prognose "knapp über fünf Prozent". ging nicht in Erfüllung. Um so mehr hofft StoltenbergsAssistent, daß seine zweite Voraussage richtig ist: "In diesem Jahr springt noch einer von der Bonner FDP-Fraktion ab. Der wollte nur nicht vor der Landtagswahl übertreten, weil er das nicht für fair gehalten hat."

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Einen Parteiaustritt hat es im Wirtschaftsministerium gegeben. Ministerialdirigent Dr. Wolfgang Obernolte soll sein SPD-Parteibuch zurückgegeben haben, das er vor etwa zwei Jahren vor seiner Ernennung zum Ministerialdirigenten erwarb. Über Obernoltes Austrittsgründe wurde viel gemunkelt, aber nichts Handfestes bekannt, da er auf Dienstreise war"

Heinz Kluncker, Chef der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), muß sich künftig gefallen lassen, daß der Beamtenbund und wer sonst auch immer ihn ungestraft als "Transportarbeiterboß" apostrophiert. So jedenfalls entschied das Bonner Landgericht. Kluncker fühlte sich durch eine Glosse des Beamtenbundes beleidigt und lief zum Kadi, um dem Beamtenbund und dem Pressesprecher Dieter Fengels diese Bezeichnung zu verbieten. Die Siebente Zivilkammer wies Klunckers Klage jedoch ab.

BONN – REPORT

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Über Karl Schillers Außenseiter, den praxisnahen Diplomvolkswirt Karl Otto Pöhl, früher Journalist a. beim "Volkswirt", dann beim "Bundesverband der deutschen Banken", sind Veränderangsgerüchte Umlauf. Er wird ab; Nachfolger von Ministerialdirektor Herbert Ehrenberg genannt, der Brandts wirtschaftspolitischer Berater ist und irgendwann Staatssekretär bei Arbeitsminister Arendt werden will, wenn der bisherige Staatssekretär Walter Auerbach ausscheidet. Pöhl meinte über die ihn betreffenden Gerüchte: "Das ist ja, alles höchst schmeichelhaft. Aber mit mir. hat noch niemand gesprochen, und ich habe auch kein Angebot."

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Vorerst hat Pöhl noch eine Menge anderer Arbeit. Er hat seine Abteilung völlig umorganisiert. Der neue Name seiner Abteilung lautet jetzt: Strukturpolitik für kleine und mittlere Unternehmen, Handwerk und Absatzwirtschaft, Produktionssteigerung, Forschung, Entwicklung und Berufsbildung. Die Berufsbildung ist neu hinzugekommen und füllt eine eigene Unterabteilung aus. Pöhl reagierte damit auf Rügen der Wirtschaft, die Berufsbildung werde allzu einseitig vom Arbeits- und Sozialministerium behandelt. Schiller ließ Pöhl gewähren, um zu zeigen, daß sich das Wirtschaftsministerium künftig verstärkt den Aspekten der Berufsbildung widmen will.

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Wohnungsbauminister Lauritz Lauritzen ist sichtlich enttäuscht, daß ihm mangelnder Arbeitseifer nachgesagt wird. Sein Pressereferent Hans-Peter Jochimsen schrieb der ZEIT: "Bundesminister Dr. Lauritzen ist zwar ein passionierter Naturfreund und Waidmann, hat aber wie jeder Politiker in Bonn höchst selten Zeit, sein Steckenpferd zu reiten. Sein Amtseifer zeigt sich in den immer deutlicher werdenden Erfolgen seiner Politik, die nur Ignoranten bestreiten können." Es handele sich bei dem Getratsche um das "offenkundige Geschwätz eines Verärgerten".

Wolf gang Hoffmann