Heinz M. Kochems legt auf den Titel keinen Wert: "Ich will nicht Vater der Vier-Tage-Woche werden." Er ist es auch nicht – er ist nur der deutsche Ziehvater der aus Amerika importierten Idee von der Arbeitswoche, die nach vier Tagen endet.

Ziehvater Kochems ist Geschäftsführer der Eurocan GmbH, eines Tochterunternehmens des amerikanischen Pantasote-Konzerns. Eurocan wurde 1961 in Geretsried an der Peripherie Münchens gegründet. Man produziert nur einige wenige Spezialitäten (PVC-Dichtungen, Kunststofftüren), machte 1969 einen Umsatz von 14 Millionen Mark, beschäftigt 380 Mitarbeiter und hat am 2. November 1970 die Vier-Tage-Woche eingeführt.

"Das Hauptmotiv war", so Kochems, "unsere Firma so attraktiv wie möglich zu machen" – attraktiv für die Arbeitnehmer, denn mit dem Personal hatte Eurocan "größere Probleme". Und so sieht die Eurocan-Attraktion aus: Von Montag bis Mittwoch wird von 6 Uhr bis 16.30 Uhr gearbeitet, am Donnerstag nur bis 16 Uhr, am Freitag gar nicht. Täglich gibt es zwei Pausen von zwanzig und vierzig Minuten. Insgesamt wird 37,5 Stunden gearbeitet, bezahlt werden 40 Stunden.

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Von einer Arbeitswoche, die nach vier Tagen endet, war bisher in Deutschland nie die Rede. Im Gegenteil. Mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmer arbeitet noch an sechs. Tagen. Eine große Ausnahme sind die 16 000 Zigaretten-Arbeiter. Ihre durchschnittliche Arbeitszeit (Wechselschicht) beträgt seit dem 1. Januar 1970 nur noch 37,5 Stunden.

Die Gewerkschaft der Zigarettenwerker spielte schon immer eine Pionierrolle, wenn es um Arbeitszeitverkürzung – natürlich bei vollem Lohnausgleich – ging. Vor zehn Jahren waren die Arbeiter an den Zigarettenautomaten die ersten Deutschen mit einer im Tarifvertrag geregelten Arbeitszeit von 40 Stunden.

Nach zehn Jahren ist die 40-Stunden-Woche noch lange keine Selbstverständlichkeit geworden: Über 60 Prozent der Arbeitnehmer, deren Arbeitszeit durch Tarifvertrag geregelt ist, arbeiten wöchentlich immer noch mehr als vierzig Stunden. Der Prozentsatz könnte sehr gut auf über 80 Prozent steigen, wenn man alle Arbeitnehmer einbezieht.