Als "politischen Überzeugungstäter" bezeichnete sich der 21jährige Krankenpfleger Ekkehard Weil, den die Westberliner Polizei schon 24 Stunden nach den Schüssen auf einen sowjetischen Wachsoldaten festnehmen konnte. In der Nacht zum 7. November, dem 53. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution, wurde der sowjetische Soldat Iwan Stscherbak durch zwei Schüsse schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt, Stscherbak hatte am sowjetischen Ehrenmal im Westberliner Tiergarten Wache gehalten.

Weil leugnete die Tat zunächst, gestand aber am Montag, mit einem Kleinkalibergewehr auf den Soldaten geschossen und das Gewehr dann in den Landwehrkanal geworfen zu haben. Weil war früher Mitglied rechtsgerichteter Splittergruppen. In der Nähe des sowjetischen Ehrenmals waren in der Tatnacht an einem Pavillon mit roter Farbe mehrere Inschriften wie "Auftakt gegen den Bolschewismus" angemalt worden.

In Berlin haben Politiker aller Parteien die Tat scharf verurteilt. Der regierende Bürgermeister Schütz schickte dem verletzten Soldaten einen Blumenstrauß. Die Moskauer "Prawda" nannte die Tat eine "politische Provokation", blieb jedoch in ihrer Berichterstattung zurückhaltend und richtete keine Angriffe gegen Westberliner Behörden. Die DDR-Presse entfesselte dagegen eine Propagandakampagne gegen Westberlin.

Der Anschlag sollte nach dem Eingeständnis des Täters die Ratifizierung des deutsch-sowjetischen Vertrages verhindern. Ob er auch die Viermächtegespräche belastet, wird sich am Montag zeigen, an dem die Verhandlungen über Berlin weitergeführt werden. Westalliierte Diplomaten weisen darauf hin, daß die Botschaftergespräche noch längst nicht so weit gediehen seien, wie es manchmal dargestellt werde. Dagegen sind die Arbeitsgruppen der Botschaftsräte, die zwischen den Botschaftertreffen zusammenkommen, anscheinend schon weiter vorangekommen, so daß sich erste Teilergebnisse abzeichnen.

Am umstrittensten ist noch die Präsenz des Bundes in Berlin und die Einrichtung einer Schiedsstelle für den Berlinverkehr. Dagegen scheinen die wirtschaftliche, finanzielle und rechtliche Zuordnung Westberlins zum Bund und Verbesserungen im Berlinverkehr nicht mehr sehr problematisch zu sein. Doch sind die Gespräche noch keineswegs so weit gediehen, daß sich schon in Detail fragen Übereinkünfte feststellen ließen.

Der DDR sind die Verhandlungen offensichtlich unbequem, Sie hat der Bundesrepublik Gespräche über Fragen des gegenseitigen Transitverkehrs angeboten, gleichzeitig aber betont, daß über den Verkehr Westberlins nur mit dem Berliner Senat verhandelt werden könne. In einem Fernsehgespräch forderte Walter Ulbricht gleichberechtigte Beziehungen auf der Grundlage des Völkerrechts, Achtung der souveränen Rechte der DDR und Einstellung jeder Tätigkeit anderer Staaten in Westberlin, die dem völkerrechtlichen Status der Stadt widerspricht und die Interessen der DDR verletzt. Politiker in Berlin überlegen jetzt, ob Ulbricht mit "anderen Staaten" nur die Bundesrepublik oder auch die Weltmächte gemeint hat.