Von Wolfgang Rieger

Harry Pross: "Publizistik. Thesen zu einem Grundcolloquium"; Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied 1970; 161 S., kt. 7,80 DM

Der Mensch entsteht durch Kommunikation." Harry Pross, Professor für Publizistik an der "emotional aufgewühlten und von der Polizei umstellten, gleichwohl freien Universität" in Berlin, benutzt dieses Diktum als Ausgangspunkt, um die Funktion des journalistischen Handwerks zu erklären. Er will dabei sichtbar machen, wie sich der Mensch durch das Wort politisch selbst befreien kann.

Der Mensch ist nichts ohne Sprache, ohne mitgeteilte Texte und Zeichen. Präziser, im Sinne des Autors, für den die Genauigkeit bei jedem einzelnen Wort zählt, heißt das: Der Mensch hat keine bewußte Existenz ohne Erkenntnis und ohne die Weitergabe von Erkanntem mit Hilfe der Formeln, in die vergangene Erkenntnis eingegangen ist. Unterdrückung oder Freiheit manifestieren sich in der Kommunikation.

Es ist nicht nur ein intellektuelles Vergnügen, dem Publizistikprofessor auf diesem Wege zu folgen, weil er genau, elegant und ironisch formuliert. So über Publizistik nachzudenken ist zugleich eine Form der freien Selbstbehauptung, also eine lebensnotwendige Übung für unsere gesellschaftliche Existenz.

Harry Pross praktizierte 1969 mit seinen Studenten in Berlin mehr als eine akademische Übung. Die in Thesen formulierte, dann von studentischen Arbeitsgruppen erörterte und jetzt veröffentlichte Theorie der Publizistik ist zugleich gegenwartsbezogene politische Wissenschaft. Wer über die Presse klagt, wem Demokratie schwer verständlich ist, der sollte zu diesem kleinen Kompendium greifen, einem Kompaß für die politische Selbstbefreiung durch das Wort.

Alle Zeugnisse, die Harry Pross heranzieht, stehen für ihn in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Gegenwart, ob es sich dabei um Eingangsverse aus dem Johannes-Evangelium, die Mao-Bibel oder Texte von Marx und Croce handelt. Der Autor argumentiert progressiv, aber nicht parteiisch. Er zielt auf den denkenden Menschen, der sich nicht beherrschen lassen will, weder durch unreflektierte Emotionen noch durch seine Mitmenschen. Bei dieser publizistischen Begriffsinterpretation werden Herrschaftsverhältnisse aufgedeckt. Der Gebrauch des Wortes liefert die Indizien.