Zwischen Idealen und Ideologien Ein Diskussionsbeitrag

Von Leona Siebenschön

Mit "eisernem Besen" möchte ein Bayreuther Bürger "dieses geisteskranke Gesindel aus unserem deutschen Vaterland hinausfegen". Der Patriot beschimpft, was ihn erschreckt:

Löwenmähnige Beat-Jünger, in schillernde Saris und zerschlissene Kaftans gehüllt, machen Musik, die mehr durch ihre Botschaft als mit schrillen Dissonanzen provoziert. Bleichgesichtige Rattenfänger fiedeln und singen von Gefühlen, "die das einzige sind, was wirklich zählt", singen von Liebe und fuck for peace. Toleranz und Solidarität werden beschworen. Traumreisen in eine visionäre Innenwelt verheißen. Und auf solche Botschaft reagiert der Arbeitsbürger mit Haß; er redet von Ausrotten, von Arbeitslager, schreit "Pack!". Das ekstatische Bedürfnis nach grenzenloser Friedfertigkeit, nach Traum und Rausch weckt seinen Widerwillen, reizt zu Aggressionen. Rock-Gitarrist Frank Zappa: "Wäre Jesus einer von uns, sie würden ihn wieder kreuzigen,"

Die Fronten sind klar, die Gegensätze unüberbrückbar. Zwei Welten und kein Kompromiß. Unanfechtbar, unbekehrbar verharren die einen in starrer Ablehnung, gefallen sich die anderen in greller Selbstdarstellung. Doch was immer da schwelt an Feindseligkeit und immer wieder sich zusammenbraut zu nahezu bürgerkriegsähnlicher Atmosphäre, was da brodelt an Konflikten – diese beiden Welten sind von sich, ohne je an sich, zu zweifeln, überzeugt.

Ausgeliefert den Konflikten und von den Spannungen bedrängt sind dagegen jene, die mit den Radikalen der einen wie der anderen Front selbst nichts zu schaffen haben: Es ist die Generation im Niemandsland zwischen den Extremen, die Generation im Widerspruch. Heute in der Mitte ihres Lebens stehend, ist sie herausgefordert, mehr an Widersprüchlichem auszuhalten, mehr an Konflikten auszugleichen, mehr zu leisten als je eine Generation zuvor. Die, sagen wir, 35- bis 40jährigen wissen, daß dies ihr Auftrag wäre: den Ausgleich zu stiften; Vermittler zu sein; die Wogen der ideologischen Auseinandersetzungen zu teilen, wo nicht zu glätten. Und an diesem Auftrag drohen sie zu scheitern.

Vormals hat man sie "die Skeptischen" genannt, ihren geschärften Wirklichkeitssinn gerühmt, ihren Mangel an Idealen beklagt. Vierzehn- bis zwanzigjährig aus dem Inferno entlassen, legten sie "im Jahre Null" Fahnen und Phrasen für immer ab. Das Vaterland, das heilige, war für sie ein Dschungel aus Trümmern und Ruinen, durch den man sich mit dem Instinkt gejagter Kreaturen hindurchzuschlagen hatte. Zum Überleben: aufgerufen, entwickelten sie ein sicheres Gespür für Nützlichkeiten und eine Scheu vor hohlen Worten, ideologischem Gepränge, Irrationalismen. Sie wurden erwachsen, noch ehe sie jung sein konnten. Sie paßtensich an.