Was wir von der römischen Küche wußten, war, daß sie sich den Finger in den Mund steckten, wenn sie zuviel gefressen hatten, und dann weitermachten; tagelang, liegend, auf Sofas.

Später hörten wir mehr, von den Gastmählern des Trimalchio und Lukullus, diesen ungeheuren Banketten, wo ganze gebratene Schweine aufgeschlitzt wurden und Zentner von geröstetem Geflügel und Würsten herauspurzelten, und bei Fellinis Film "Satyricon" sah man dann, wie man sich das vorzustellen hat.

Schön.

Daß Apicius der berühmteste Koch seiner Zeit war, vernahm man auch mit Grausen, denn die Zitate, die man zu lesen bekam, waren ein fürchterliches Kuddelmuddel von Braten, Pantschen, Rühren, Kneten, Wiederbraten und Wiederkauen. Alles immer wieder Übergossen von diesem schrecklichen Garum, einer Soße (im wahrsten Sinne des Wortes, denn das Wort kommt von salza – gesalzen) aus verfaultem, gesalzenem Fisch.

So.

Und dann war man ein Jahr lang auf einer kleinen ägäischen Insel, schrieb selber ein gastronomisches Tagebuch, wo man die heutige griechische Küche mit der antiken verglich (von der die römische abstammte) und dachte, das kann alles nicht wahr sein.

Und legte sich das alles etwas logisch zurecht, und stellte fest, daß damals genausoviel und sowenig Völlerei betrieben wurde wie heute und daß diese Bankette genausowenig mit der damaligen täglichen Kost verglichen werden dürfen wie die Hochzeitsgastmähler der germanischen Fürstenhöfe mit dem bäuerlichen Alltagseintopf, und man begann an der Wiedergabe der Rezepte zu zweifeln und sagte sich, daß ja diese Rezepte nur durch unzählige Abschriften von nicht immer so gelehrten Mönchen bis zu uns überliefert wurden und daß da manches nicht stimmen mag; und legte sich das anders zurecht und fand heraus, daß der Freiherr von Rumohr in seinem löblichen Eifer für einfache und natürliche Nahrung 1822 in seinem "Geist der Kochkunst" gar nicht so sehr über den Apicius hätte herzufallen brauchen, wenn er ab und zu einen Punkt in ein Rezept gemacht hätte und aus einer zwei oder sogar drei Speisen hätte werden lassen.