Gegen die Dicken wird in jedem Regime gehetzt. Die Ostberliner "Zeitung für geistige Probleme der Jugend" – das Forum – veröffentlichte ein Gespräch mit Professor Hellmut Haenel, dem Direktor des Instituts für Ernährung in Potsdam-Rehbrücke. Haenel schildert darin die Ungesundheit des Übergewichtes und schlägt Maßnahmen zur Verwirklichung des Ideals vom "schlanken, sich selbst beherrschenden, mobilen Menschen des Sozialismus" vor (blonde Haare und blaue Augen wurden nicht erwähnt).

Die Gründe für die Bekämpfung der Fettleibigkeit sind sehr überzeugend. Es geht nicht nur darum, daß "der sozialistische Mensch in der Regel auch ein gesunder Mensch sein wird und sein muß", auch die Haushaltssorgen der sozialistischen Gesellschaft sind im Spiel. "Die jährlichen, von der Fettsucht verursachten Kosten für unseren Staat", so der Wissenschaftler, "werden auf etwa 600 Millionen Mark geschätzt, die sich aus 200 Millionen Mark für Sozialleistungen (Krankengeld, Invalidenrenten, Krankenhaus- und Kurkosten, Medikamente und so weiter) und 400 Millionen auf Grund des verringerten Nationaleinkommens (Produktionsausfall, Verschwendung von Lebensmitteln) zusammensetzen."

Für den Kampf gegen diese Verluste werden folgende Methoden empfohlen:

Erstens: Aufklärung. "Wir müssen das Ideal des schlanken, sich selbst beherrschenden, mobilen Menschen des Sozialismus stärker herausstellen, ohne daß dabei ein Kraftmeierbild herauskommt. Menschen im Sozialismus werden keine Asketen sein, Menschen aber, die wissen, daß Gesundheit und Gesunderhaltung ein außerordentlich wertvoller Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung ist."

Zweitens: Da das Bewußtsein, im Dienst der Gesellschaft gesund bleiben zu müssen, zu schwach ist, fragte der Reporter Hans Eggert: "Könnten wir durch verstärkte gesellschaftliche Versorgung mit Speisen die Kontrolle der Ernährung intensivieren?" Professor Haenel antwortete darauf: "Wir können natürlich auf die gesellschaftliche Speisenbereitung direkter einwirken (was ja seit Jahren geschieht) als auf das Kochen in der individuellen Küche. Wir sehen hierin ein Modell zur Lösung eines Teils der anstehenden Probleme."

Freilich, es ergeben sich noch andere Möglichkeiten aus dem Gespräch. Es wurde festgestellt, daß das Angebot an kalorienreichen Lebensmitteln und der "individuelle Ernährungsetat" zu groß seien. Es dürfte doch aber einer nach Plan lebenden Gesellschaft kaum schwerfallen, diese Hindernisse zu beseitigen. Aber der Wissenschaftler aus Potsdam-Rehbrücke will sich auf solche sozialistischen Mittel allein nicht beschränken und schlägt eine kapitalistische Methode vor: die Einladung zur Kasse. "Erziehungs- und Bildungsarbeit an sich genügen nicht", sagte er; "deshalb brauchen wir meines Erachtens auch materielle Hebel. Der Bürger, der unvernünftig lebt (und der Gesellschaft im Endeffekt noch erhebliche Kosten verursacht!), muß dafür bezahlen. Einige Möglichkeiten: Zunächst könnten die ungesunde Lebensweise fördernden Genußmittel im Preis heraufgesetzt werden. Dazu müßte die Differenzierung der Sozialleistungen nach dem – selbstverschuldeten – Übergewicht kommen."

Warum so umständlich? Wäre es nicht besser, einfach eine Steuer pro Kilo Lebendgewicht einzurichen? Gabriel Laub