Das Bestreben, als moderner Mensch zu gelten, offenbart sich heute in allen Lebensbereichen. Fast jeder will die modernsten Ansichten vertreten, die modernsten Waren konsumieren, sich nach der neuesten Mode kleiden; die Beispiele für dieses Verhalten ließen sich noch beliebig lange weiterführen. Besonders die Werbung zieht Nutzen aus dieser Erscheinung: Sie preist nahezu jeden Artikel als das Modernste, das Neueste, das Beste an. Welche Werbeagentur hat sich schon einmal gefragt, wohin das alles führt?

Die Analyse dieser Sucht nach dem Modernen kann ich wohl an der jungen Generation am besten durchführen.

Der junge Mensch sieht, sobald seine Selbständigkeit erwacht, die Welt der Erwachsenen als "altmodisch" an; er will nicht in einer solchen Welt leben und sucht neue Lebensformen. Da diese Suche seine Selbständigkeit fördert, ist sie durchaus positiv zu bewerten, ja es scheint mir sogar notwendig zu sein, eigene Vorstellungen über das Leben zu entwickeln.

Wer eine starke Persönlichkeit hat, kann seinen Stil nach eigenen Vorstellungen entwickeln, ohne sich viel von seiner Umwelt beeinflussen zu lassen. Wer seinen eigenen Standpunkt vertritt, setzt sich der Gefahr aus, von seiner Umwelt beeinflußt zu werden und sich deren Normen anzueignen; er steht in einem dauernden Kampf um die Behauptung seines eigenen Ichs. Aber nur so kann man zu sich selbst finden und sein eigenes Selbstverständnis entfalten. Aber er hat die Möglichkeit, mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten, ohne sein eigenes Ich aufgeben zu müssen.

Die andere Möglichkeit, auf die man bei der Suche nach neuen Lebensformen stößt, ist weitaus häufiger vertreten als die erste, ja sie zwängt sich einem geradezu auf. Es ist das Annehmen vorgeprägter Begriffe über das, was modern und infolgedessen bei weiten Kreisen der Bevölkerung auch gut ist. Dieses Verhalten ist zwar bequem, bringt aber viele Gefahren mit sich.

Der Jugendliche bricht aus der Welt der Erwachsenen aus, weil ihre Vorstellungen, die für ihn sowieso altmodisch sind, von anderen Menschen geprägt werden und er sie bisher gedankenlos aufgenommen hat. Er entdeckt nun eine Welt, die ihm wieder feststehende Normen aufzwingen will. Da diese Normen ihm aber rein äußerlich gefallen, nimmt er sie an, ohne nach ihrem Sinn zu fragen. Er trägt lange Haare, hört Musik, die ihm vielleicht gar nicht gefällt, aber modern sein soll, protestiert gegen Dinge, die er in ihrem Zusammenhang nicht kennt. Alles in allem, er handelt nach dem, was augenblicklich modern ist, nur um innerhalb einer Gemeinschaft Gleichgesinnter eine vordergründige Geborgenheit zu finden, die nur darin besteht, innerhalb dieser Gruppe nicht aufzufallen.

Wenn er nun wirklich einmal nach seiner eigenen Meinung handelt, gerät er mit seinen sonst immer Gleichgesinnten in eine Auseinandersetzung, in der er allein auf einer Seite steht. In diesem Konflikt sieht er, wie einfach es doch ist, sich der Masse anzupassen, um, auf diese Weise einer Auseinandersetzung mit ihr aus dem Weg zu gehen. Denn wenn sich diese Verstöße häufen, wird er von der Masse verstoßen und als "rückständig" bezeichnet. Aber seine Angst, unmodern zu sein, ist größer als der Wille zum eigenen Ich. Denn jetzt müßte er selbständig denken, von seinem eigenen Standpunkt aus entscheiden (was ja heißt, einen eigenen Standpunkt finden) und sich nicht mehr der "modernen" Massenmeinung anschließen. Dazu ist man einfach zu bequem.