Der Regisseur Hans Bauer, 1914 in Berlin geboren, ist Mittwoch nacht voriger Woche in einem Baseler Hotelzimmer am Herzschlag gestorben. War er ein Spezialist?

in den fünfziger Jahren habe ich von ihm in Hannover Inszenierungen klassischer Komödien gesehen: helle, flache, etwas fade Spiel weiten. Seine Sache waren eher die nächtig-poetischen, auch die mystischen und mystifizierenden Stücke, vielleicht Kleist (dessen „Familie Schroffenstein“ er in Darmstadt überraschend wirksam machte), vielleicht Büchner (Georg Hensel stellte Bauers „Leonce und Lena“-Aufführung über die Fritz Kortners). Sicher aber war seine Sache: Barlach, Lasker-Schüler, der „Baal“ von Brecht, Strindberg, Lorca, Pinter, Beckett. Hat er je eines der späteren Stücke von Brecht inszeniert? Wahrscheinlich hielt er sie, wie sein Lehrer Fehling, für „Wachstuchballaden“. Mit politischem Theater hatte Bauer – dessen Lust am nächtelangen Privatgespräch auch politische Themen einschloß – nichts zu tun. Er schuf – mit seiner den Proben lange und eingehend vorarbeitenden Lese-Phantasie, mit seinem Gespür für Sprechmelodien und -rhythmen, für selbstverständliche Arrangements in unselbstverständlichen, gesteigerten, verdichteten, verfransten Bühnenwelten – seine Träume von Stücken, die nostalgisch, alptraumhaft oder rätselvoll sein mußten, damit sie seinen doch auch berlinisch nüchternen, handwerkerhaften Sinn für genaues, formal gespanntes und unnachgiebiges Theater herausforderten.

Ende der fünfziger Jahre hätte man schon wissen können, daß Bauer auf diesem, seinem Gebiet singuläre Qualität zu erreichen vermochte: als er in Köln 1958 Else Lasker-Schülers „Wupper“ als aus Humor und Grauen gemischte Stadtballade „entdeckte“, als er Garcia Lorcas surrealisitisches, manieriert dunkles Frühwerk „Sobald fünf Jahre vergehen“ mit Mitteln härtete, die von Picassos Harlekin-Klassizismus sich ableiteten, als er 1961 in Hannover Pinters „Hausmeister“ als das subtile, aber äußerst präzise Beziehungsgeflecht zwischen drei Figuren vorführte, jenseits von naturalistischer Milieufixierung. Auf Köln und Hannover als Hauptarbeitsorte folgte 1961 bis 1965 Darmstadt, die Zusammenarbeit mit Gerhard F. Hering, dann Gastierjahre in München, Stuttgart, Darmstadt, Hamburg, Basel, schließlich die erneute Konzentration auf ein Theater, auf das Basler – aus Sympathie für das „Klima“ dort, für den Direktor Düggelin und den Dramaturgen Beil. Seine Arbeit dort konzentrierte er – der allgemeinen Geschmacksentwicklung entgegen? – auf ein Werk des „absurden“ Theaters: auf Becketts „Warten auf Godot“, wo er im Clownspiel und mittels des Clownspiels die Passion aufdeckte, Pinters „Geburtstagsfeier“, Jarrys „Ubu“ und – er probte daran, als er starb – Ionescos „Stühle“. Ein „literarischer“ Regisseur? Nein, einer, der überreale Stücke in Theaterrealität verwandelte.

Das Werk Rudolf Noeltes, der wie Bauer Berliner und Fehling-Schüler, auch sein Generationsgenosse ist, stellt nicht den Gegensatz, sondern die ergänzende Entsprechung zu Bauers Arbeit dar: Noelte konzentriert sich auf „realistische“ Stücke, vor allem von Sternheim und Tschechow. Rückwärts gewandt sind beide Theaterwelten, entspringend einem Konservativismus, der überprüft und erneut zur Überprüfung zwingt – Theater jenseits der viel beredeten „Krise“, Theater, das bei sich selbst ist. Henning Rischbieter