Der Vorschulerziehung haben sich in diesem Jahr sicher ein Dutzend Verlage gewidmet. Überall stößt man auf Lehrhefte mit Dreiecken und Kreisen, die das Formgefühl der Kinder wecken sollen, überall werden Wörter und Zahlen in Täfelchen und Stückchen zerlegt und müssen mit oder ohne Hilfe von Ähnlichkeiten oder Bildern neu zusammengefügt werden. Überall liegen Bücher, die der Ahnungslose auf den ersten Blick für Fibeln halten würde; durch beigefügte "Elternbriefe" wird er jedoch belehrt, daß es sich um Schulungsmaterial für Kleinkinder handelt.

Die meisten dieser Werke für Kinder und ihre Eltern sind mit mehr guten Absichten, mit mehr Hoffnung auf ein fettes Zipfelchen vom Vorschulboom als mit guter Kenntnis von der Materie gemacht worden. Die Illustrationen sind meist schlechter als die der mittelmäßigsten Bilderbücher, die Texte verraten, daß die Autoren nichts von der Qualität moderner Kinderliteratur wissen und munter nach dem Motto "Reim dich oder ich freß dich" für falsch verstandene Kindertümlichkeit sorgen.

Selbstverständlich gibt es Ausnahmen, aber sie sind für Eltern im Wust des allgemeinen Angebots schwer zu entdecken, und sie bestätigen fast immer, daß es besser ist, sich so lange auf das zu beschränken, was sich bereits in Ländern mit Vorschultradition und -erfahrung bewährt hat, bis man auch bei uns genauer weiß, wie Vorschule getrieben werden soll (und bis man bei uns Autoren findet, die sich die Mühe machen, sich mit der notwendigen Sekundärliteratur zu beschäftigen).

So hat der Otto Maier Verlag im vorigen Jahr eine Reihe aus England übernommen und als "Mein erstes Taschenbuch" eingeführt. In diesen durchgehend farbigen Bänden wird vor allem darauf geachtet, daß Wortschatz, Satzbau, Textwiederholung und Schriftgrad für Leseanfänger richtig sind. Der Carlsen Verlag präsentiert eine französische Reihe "Tom und seine Welt", in der zum Beispiel in "Tom und die Farben" mit Begriffen wie Schutzfarbe und Farbwandel in der Natur, Grund- und Mischfarbe und Farbbezeichnungen gespielt wird.

Das beste und bescheidenste Beispiel ist jedoch das Kinder- und Elternbuch "DI-DO-DOMINO" (aus der Reihe der Spiel-und-Spaß-Hefte). Hier wird nicht reglementiert, sondern eine Fülle von Möglichkeiten für alle Lernbereiche angeboten, wodurch die Vorschule nicht zum eng eingegrenzten Bezirk, sondern als Beschäftigung und Spiel des ganzen Kinderlebens gesehen wird. Zwar gibt es Anregungen, wie ein Kind zum Beispiel die Begriffe groß/klein im Unterscheiden, Ordnen und Vergleichen, Aufteilen und Zusammenfügen, Sprechen und Spielen lernen kann. Aber schon die Spiele, Wettkämpfe und Basteleien (also die Übersetzung der Theorie in Alltagserlebnisse) bieten die ganze fröhliche Freiheit, die ein Kind ja vor allem zum Lernen braucht. Außerdem wird in jedem Kapitel auf Bilderbücher, Märchen und Gedichte hingewiesen, die zum "Lehrstoff" gehören, und das scheint mir fast das wichtigste zu sein.

Denn selbst wenn es genug Vorschulliteraur gäbe: die allgemeine Kinderliteratur mit Bilderbüchern, Sachbüchern, Spielbüchern, Kinder- und Märchenbüchern hat seit jeher das beste Mittel zur Förderung kindlicher Intelligenz und Schöpferkraft dargestellt. Und dieses Mittel besitzt einen großen, Vorteil: Es ist zur Hand. Wem sich Eltern die Mühe machten, dieses vorhandene, ausgezeichnete Material, das durch seine reiche Auswahl fast allen ästhetischen, intellektuellen, politischen und pädagogischen Absichten urd Haltungen gerecht werden kann, zu beachten, selber zu lesen und es vom Kind auch nicht mir wie eine Illustrierte durchblättern, sondern anschauen und erleben zu lassen, dann stünde es mit der Bildung unserer Kinder bereits besser. Sybil Gräfin Schönfeldt