Tückische Wähler

Ich bin fast einem tückischen Wählerverhalten auf die Spur gekommen.

Es muß eine Zeit gegeben haben, da wählte ein engagierter SPD-Anhänger die SPD. Und ein CDU-Freund natürlich nur die CDU. Und ein ehemaliger NSDAP-Wähler die NPD. Soweit war alles klar. Aber jetzt ist nichts, mehr klar

Das fiel mir zuerst vor der letzten Bundestagswahl auf. Da fragte ich einen Apo-Genossen ganz harmlos, was er diesmal wähle. Den Ekel im Blick bedeutete er mir, daß er natürlich nicht an dieser Scheinwahl zum Scheinparlament teilnehmen würde. Was er denn wählen würde, wenn er doch wählen würde. Die SPD? Das brachte ihn auf: "Diese: Arbeiterverräter? Wofür hältst du mich? Wenn, dann nur die NPD. Damit es zu einer Polarisierung und zu einer echten Konfrontation mit dem Klassenfeind kommt."

Damals kam mir ein Verdacht, der sich bei den beiden Landtagswahlen im November bestätigt hat, wie eine private Meinungsumfrage ergab. Viele Wähler wählen gar nicht, was sie wählen wollen. Bitte...

Alfons Breidl, 46, Taxifahrer, Erlangen: "Ich bin altes SPD-Mitglied, das steckt bei mir in der Familie. Immer nur SPD gewählt – aber diesmal leihe ich meine Stimme der FDP, damit sie über die 10-Prozent-Hürde kommt. Natürlich habe ich für die FDP nicht das geringste übrig. Ein Glück, daß mein Vater das nicht mehr erleben mußte. Er hat noch August Bebel die Hand geschüttelt."

Traudl Pfnür, 56, Hausfrau, Freising: "Als eingefleischte Liberale kam für mich nie was anderes in Frage als die FDP. Aber ehe meine Stimme verlorengeht, gebe ich sie der SPD. Mit großen Vorbehalten, das dürfen Sie mir glauben."

Tückische Wähler

Hans Breitkopf, 53, Immobilienhändler, Passau: "Ich bin ein alter CSU-Hase, nie was anderes gewählt. Aber da haben sich neulich so ein paar Deppen von der Jungen Union recht häßlich zur Bodenspekulation geäußert. Darum wähle ich diesmal NPD. Aber ein alter Nazi bin ich deswegen noch lange nicht."

Josef Zuschka, 48, Glasbläser, Neu-Gablonz: "Als Vertriebener kommt für mich natürlich nur die NPD in Frage. Aber die hat ja kaum Aussichten, in den Landtag zu kommen. Da bleibt mir nichts einenes übrig, als die CSU zu wählen."

Hans Pflum, 28, Mechaniker, München: "Als Kommunist wüide ich natürlich nur die KPD wählen. Aber die gibt’s ja nicht. Die DKP würde ich nur wählen, wenn ich wüßte, daß sie genug Stimmen bekommt. Sonst geht ja meine Stimme verloren. Also werde ich wohl doch die SPD wählen. Aber natürlich zähneknirschend. Was ich von dieser Partei halte, kann man sich wohl denken."

Ursula Ehlert, 34, Übersetzerin, Bamberg: "Ich würde die CDU wählen – wenn sie in Bayern zugelassen wäre. Wahrscheinlich wähle ich die Bayernpartei – aber nur, weil sie sonst keiner wählt." Gibt es denn keinen Wähler mehr, der das wählt, was er eigentlich wählen will? Doch, ich fand einen.

Aloys Hacker, 66, Rentner, Dingolfing: "Ich wähle, was ich immer gewählt habe. Ich bin da ganz konservativ."

"Und was wählen Sie immer?", wollte ich wissen.

"Ungültig. Was wären demokratische Wahlen ohne ein paar ungültige Stimmen?"

Tückische Wähler

"Und wie machen Sie Ihre Wahlzettel ungültig?" fragte ich.

"Durch lauter Micky-Mäuse. Dabei steht mir Donald Duck eigentlich viel näher..."