Von Manfred Sack

Quiz ist ein englisches Wort; es heißt auf deutsch "necken" oder "das Rätsel", ein bißchen ausführlicher auch "Frage-und-Antwort-Spiel". Es ist also, auf seine Wortbedeutung reduziert, eine harmlose Angelegenheit. Aber wie man sich irren kann: Quizspieler sind imstande, ganze Kulturkritikerbrigade lebendig zu machen, ja ganze Nationen in Stimmung oder in Aufruhr zu versetzen. Quiz kann das Signal sein für eine lange Liste sich widersprechender und einander dennoch nicht ausschließender Empfindungen, unter denen Freude und Ärger nur die Ausgangspositionen markieren. Quiz ist ein richtiges Problem.

Wie alle Probleme ähnlicher Bauart schillert es, von welcher Seite und unter welcher Sonne man es auch betrachtet:

In den meisten Titeln, die die Quizspiele des deutschen Fernsehens charakterisieren sollen, spielt Mammon die Hauptrolle: "Alles oder nichts", "Wünsch dir was!", "Einer wird gewinnen", "Dreimal neun", "Der goldene Schuß". Nun gut, bei Buchmachern redet man auch nicht vom schönen Rennen.

Es schauen immer gleich Millionen zu, fünfzehn Millionen, zwanzig Millionen, vierundzwanzig Millionen. "Das ist nun", sagte Dietmar Schönherr vorigen Sonnabend, "gesagt vor Millionen Zeugen. ..." Millionen Leute "draußen an den Schirmen" (draußen!) betrachten die Krawatte des Quizmasters, drehen zur Abstimmung das Licht zu Hause an, schreiben Protestbriefe, haben jedenfalls ein spontanes Gemütsleben, das nach Öffentlichkeit ruft. Warum sie eigentlich bei Quizspielen zuschauen, ist unbekannt; es gibt psychologische Vermutungen, aber die sind so unsicher wie die Erfahrungen in der eigenen Empfindungswelt: Spannung, Mitleiden, Wettleidenschaft, Siegesfreude, Schadenfreude, Gerechtigkeitsbedürfnis, Schlüssellochneugier, gefahrloses Beteiligtsein, ohne Teilnehmer zu sein, Selbstbestätigung durch einen Intelligenztest auf Distanz ohne das Risiko öffentlicher Blamage. Das Publikum ist imstande, die Indexzahlen um eine Nummer zu drücken, weil ein Jude oder ein Neger in einer EWG-Gesangsnummer aufgetreten ist.

Es pressiert stets mit der Sendezeit, kein Quizmaster, der sein Leiden, rechtzeitig fertig zu werden, vom Publikum nicht mitleiden ließe. Eine Zeitung meldete: "Erich Helmensdorfer wurde in der letzten Folge von ‚Alles oder nichts‘ das erste Opfer eines neuen ARD-Beschlusses, wonach zeitlich überzogene Sendungen mit Bußgeldern belegt werden. Trotzdem lacht der Quizmaster noch immer übers ganze Gesicht." Er vergaß in der Tat nicht zu hoffen, "daß wir heute pünktlich sind". Vielleicht soll das ein Blick "hinter die Kulissen des Fernsehens" sein.

Viele Quizmaster haben Assistentinnen, die zu niederen Dienstleistungen angestellt sind, doch dem Publikum intensiv vorgestellt werden. Wahrscheinlich ist das ein erotisches Element. Manchmal nimmt auch die Nation Anteil am Schicksal der Uschis und Elkes, wenn sie von ihnen erfährt, "ich bin auch schon verlobt".