Sebastian Haffner gehört zu den wenigen Journalisten in diesem Land, die nicht die Mühe scheuen, das Gold und Silber historisch-politischer Wissenschaft auszugraben, zu bearbeiten und dann als billige Kleinmünze unters Volk zu bringen. Eine der Serien aus seiner Werkstatt, dem Millionenpublikum des stern bereits vertraut, kann man seit einigen Wochen auf Buchseiten nachlesen:

Sebastian Haffner: "Der Selbstmord des Deutschen Reiches"; Scherz Verlag, München 1970; 150 Seiten, 18,– DM.

Und seltsam genug: Was auf Illustriertenpapier eher harmlos gefällig dahinplätscherte (Kritik für den Konsum), wirkt zwischen zwei Buchdeckeln als geballte Ladung. Der Verlag hat das Seine getan, die Ladung zu entsichern: Porträts von Hitler – Adenauer – Strauß, an einem Strang aufgezogen, zieren das Titelblatt.

Die Provokation war gezielt, und nationalkonservative Gemüter sind prompt darauf angesprungen. Aber so leicht sollte man sich, auch als Rechter, von Haffner nicht ins Bockshorn jagen lassen. Denn er macht es seinen Kritikern zu leicht, leider, schadet er doch seinem Vorhaben, das man nur gutheißen kann: den ahistorisch erzogenen Bürgern dieses Staates ein Gefühl für die "Kontinuität politischen Irrtums" zu geben, sie zu warnen. Haffners dramatisierte Schlußworte: "Das deutscheReich ist tot, aber die Ideen, an denen es gestorben ist, wirken in der Bundesrepublik weiter – als Leichengift."

Nicht erst Adenauer, schon Hitler hat das Bündnis mit Amerika gesucht – so lautet Haftners Kernthese. Er weiß sie scheinbar einleuchtend zu begründen: Nach der Niederlage vor Moskau am 6. Dezember 1941 wußte Hitler, daß er den Krieg nicht mehr gewinnen konnte. Dennoch erklärte er fünf Tage später, ohne Not, Amerika den Krieg. Warum? "Hitlers Kriegserklärung an Amerika war ein reiner Hilferuf: ‚Kommt schnell, ehe die Russen kommen!‘" Darum auch mußte Deutschland bis fünf Minuten nach zwölf weiterkämpfen, da anders amerikanische und sowjetische Divisionen nicht hätten aufeinanderstoßen können.

Eine kühne, eine phantastische Interpretation Hitlerscher Politik. Gewiß, Hitler hat kurz vor seinem Tod erklärt, der Krieg mit Amerika sei eine Tragödie, aber das war eine Erkenntnis aus dem Nachhinein. Denn tatsächlich hatte Hitler schon lange vor der Schlacht von Moskau den Krieg mit Amerika in Rechnung gestellt. So wie General Ludendorff 1916 alle Warnungen in den Wind schlug ("Ich pfeife auf Amerika!"), so brüstete sich sein Gefreiter im April 1941, Deutschland sei Amerika "weit überlegen", zumal "der deutsche Soldat von Natur aus hoch über dem amerikanischen steht".

Wer Deutschlands Kräfte derart überschätzte, wer noch dazu von Natur ein Vabanque-Spieler war, dem konnte es nicht schwerfallen, auch noch Amerika den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Die verhängnisvolle Tradition des wilhelminischen "Viel Feind, viel Ehr" – sie herauszuarbeiten, wäre lohnender gewesen, als durch nichts zu belegende Phantasiekonstruktionen zu entwerfen. Vielleicht hätte Haffner vorher doch noch einmal James Comptons "The Swastika and the Eagle gründlich lesen sollen (deutsch "Hitler und die USA", bei Stalling, 1968) – es hätte ihn vor dieser Eskapade bewahrt. Karl-Heinz Janßen