Das Geheimnis um "S" – Spekulation ohne Ende Und auch Sherlock Holmes war dabei

Von Kenneth Porter

Zwischen dem 31. August und dem 9. November 1888 wurden im Londoner East-End-Stadtteil Whitechapel fünf Prostituierte ermordet. Der Mann, der den Freudenmädchen die Kehlen durchschnitt, nannte sich, in Briefen an die Polizei und an Zeitungen "Jack the Ripper". Er wurde nie gefaßt. Bis heute aber sucht ein Volk von Detektiven nach seinen Spuren; die Engländer läßt dieser Schlitzer, dem fünf, sechs, sieben, vierzehn, siebzehn oder zwanzig Morde zugeschrieben werden, nicht ruhen. Es ist fast ein Nationalsport, seiner verschwommenen Identität im schummerigen Gaslicht von Grandpas Slums nachzujagen.

Ziemlich genau 82 Jahre nach der Mordserie hat sich jetzt ein angesehener Arzt, der fast neunzig Jahre alte Dr. Thomas Stowell, zum (wie er glaubt) klärenden Wort gemeldet. Er gibt in "The Criminologist", der englischen Fachzeitschrift für Gerichtsmedizin und Kriminologie, eine ziemlich genaue Personenbeschreibung des Rippers (nach einer Photographie, die er zu besitzen vorgibt) und behauptet, daß er den Mann kennt. Nur den Namen will er nicht nennen. Zur Londoner "Sunday Times" sagte der Greis auf Anfrage geheimnisvoll und nicht ohne Pathos: "Ich würde niemals einer Familie, die ich liebe und bewundere, dadurch wehtun, daß ich den Namen preisgebe."

Welche Familie aber liebt und bewundert ein Engländer, der im viktorianischen Zeitalter geboren ist, mehr als die königliche? Diese Frage stellten sich die Redakteure in der Fleet Street; und mit Hilfe eines anderen Ripper-Experten hatten sie bald den Namen parat: Es muß Edward, der Herzog von Clarence, gewesen sein, Enkel von Königin Viktoria, designierter Thronerbe, Bruder König Georgs V. Ein Mann von königlichem Geblüt also ließ das Blut der Freudenmädchen fließen. Einige Indizien sprachen durchaus für die These, zu der natürlich Krone und Scotland Yard jeden Kommentar ablehnen.

Es war Donald McCormick, Autor des Buches "The Identity of Jack the Ripper", der den Namen des Herzogs von Clarence zuerst, allerdings sehr, sehr beiläufig ins Gespräch brachte. McCormick vertritt nämlich eine andere Ripper-Theorie. Er hat einen russischen Arzt, Dr. Konovalov, ausfindig gemacht. Dieser Einwanderer hat nach den jahrelangen Recherchen McCormicks vier der fünf "klassischen" Ripper-Opfer persönlich gekannt, was dafür sprechen könnte, daß er der Täter war; denn die instinktsicheren Prostituierten pflegen einem völlig unbekannten Freier ein gewisses Mißtrauen entgegenzubringen. Dr. Konovalov verschwand nach dem fünften Mord spurlos. McCormick war überzeugt, sich nicht zu irren; beiläufig aber nannte er auch andere Verdächtige, darunter den Viktoria-Enkel.

Der Herzog von Clarence paßt im Gegensatz zu Konovalov genau in das Muster von "S" wie Dr. Stowell. seinen Ripper nennt. Fünfzig Jahre lang hat Stowell, der sich noch an das Geflüster der Dienstboten im Elternhaus über die brutalen Verstümmelungen der Opfer erinnern will, seine Indizien zurückgehalten, weil er fürchtete, daß dadurch enge Freunde, die noch am Leben waren, in die Sache verwickelt werden könnten. Jetzt hat er seine Analyse des Falls publiziert und damit selbst für einen "Fall" gesorgt.