Von Petra Kipphoff

Umleitung, Überholverbot, Geschwindigkeitsbeschränkung, Gegenverkehr, Gefälle, Bahnübergang, Baustelle, Flugverkehr (!) – seit der documenta 4, in deren Eingangshalle Peter Brünings "Straßen über Straßen", dieses bunte, blinkende, sich wellende, mit leuchtenden Zeichen bestückte und durch Spiegelungen potenzierte Verkehrsmonument den vielleicht soeben über die Autobahn herangekrochenen Besucher an gerade überstandenen und noch nicht ganz verdauten Ärger erinnerte, stimmt mich dieses Verkehrs-Chinesisch, das das Autofahrerleben reglementiert, nur noch resigniert heiter.

Verkehr nicht als permanent verpaßte und sich versagende Grüne Welle, sondern als eine Welt für sich selbst, als eine endlose Kilometer währende Demonstration der Kunst der Kürzel – das ist, wenn auch kein Zwang, so doch die Möglichkeit, alte Sehgewohnheiten (und Denkgewohnheiten) durch neue zu ersetzen, über den Detailärger hinaus zu merken, worum es hier wirklich geht; das ist schließlich genau das, was auf anderer Ebene auch Roy Lichtenstein durch die Verwendung des Comic Strip an Aufklärung geleistet hat.

Peter Brüning, so, wie er heute durch den documenta-Beitrag oder das von Verkehrsminister Leber erworbene Autobahnmonument oder seine "Superland"-Bilder bekannt ist, gibt es erst seit 1964.

Angefangen hatte Brüning, der 1929 in Düsseldorf geboren wurde und schon als Gymnasiast für eine Reihe von Baumzeichnungen den Goethe-Preis der Düsseldorfer Schulen erhielt, an der Stuttgarter Akademie, wo er von 1949 bis 1952 Schüler von Willi Baumeister war, dem einzigen deutschen Künstler, der das Dritte Reich ohne Kompromisse überlebte, der einzige ungegenständliche Maler, dessen Werk über die Landesgrenzen hinaus Resonanz fand. Aus den Lehrjahren entlassen und nach Düsseldorf zurückgekehrt, geriet Brüning in den Sog von Tachismus und Informel, von 1952 bis 1954 hielt er sich in Paris auf, studierte die Götter der Ecole an Ort und Stelle, als deren gelehrig inspirierter Schüler er sich in seiner ersten Einzelausstellung 1956 im Düsseldorfer Kunstverein zeigte.

Schon bevor das Grablied der Ecole offiziell angestimmt wurde, hatte Brüning die abstrakte Poesie des Informel für sich und seine Entwicklung als Sackgasse erkannt. Er machte sich, an diesem Brauch der Künstler hat sich offenbar seit Dürer nichts geändert, auf den Weg nach Italien, entdeckte dort das Werk von Cy Twombly, die Dynamik der graphischen Geste, die Ausdrucksmöglichkeiten, die in der Verwendung reiner Zeichen liegen. Im Unterschied zu Twombly aber, dem das Skripturale als Ausdrucksmittel höchster Subjektivität dient und dessen mit Wellenlinien aller Arten gefüllten Bildtafeln seine Handschrift im wahrsten Sinne des Wortes enthalten, schaffte Brüning sich ein funktionales und allgemeinverständliches Zeichenvokabular: Er entdeckte die Chiffrenwelt der Kartographie. Die Kürzel, die in der Sprache der Kartographen für Wald, Wiese, Wasser, Bodenerhebungen oder Untiefen stehen, wurden ihm zu einem neuen Vokabular für die Darstellung eines alten Malerthemas: der Landschaft. Brüning empfand die Kartographie als "die letzte vollfunktionierende Sprache der Malerei, die unserem Bewußtsein entspricht", eine Ausdrucksweise, in der "sämtliche Mittel der Malerei, die seit langem ja schon suspekt geworden ist, rein enthalten sind: Linien, Strukturen, Flächen, Farben".

Seine ersten Bilder, in denen er diese neue, "letzte" Sprache der Malerei praktiziert, sehen auf den ersten Blick aus wie leicht außer Rand und Band geratene Landkarten, Pop-Variationen zum Shell-Atlas. Die leuchtenden Farben und beschwingten Linien und Zeichen versetzen den Betrachter in eine Stimmung fröhlicher Neugier, aus der heraus er sich eifrig ans Dechiffrieren macht. Und da zeigt es sich dann rasch, daß Brüning die Sprache der Kartographie natürlich nicht in einem neutralen, realistischen Sinn verwendet, sondern sie bemüht, um seine Imagination in präzise Quantitäten umzusetzen. Das normalerweise im Zusammenhang mit dem Ver- und Entschlüsselungsprozeß bei Landkarten nur in einer seiner zwei möglichen Bedeutungen genutzte Wort von der Bild-"Legende" nutzt Brüning voll aus. Seine Bilder erzählen auch die Geschichten, die nicht im Shell stehen: zum Beispiel die vom Gegeneinander von Zivilisation und Natur, vom mißlungenen Versuch, miteinander fertig zu werden.