Wer noch vor wenigen Jahren meinte, das Thema "Wilder Westen" sei nachgerade durch TV-Serien, durch Massen einschlägiger Filme und eine ihnen verwandte Trivial-Roman-Literatur erschöpft, sieht sich bei gegenwärtigem Umblick in dieser Einschätzung widerlegt. Was vor ungefähr zwei Jahren mit einer Ballung von originalgetreuen Beiträgen aus der Frühzeit der USA begann, hat sich inzwischen zu einer wahren Westernwoge ausgewachsen.

Frederik Hetmann (alias Hans-Christian Kirsch) schien als Preisträger der "Amerika-Saga" dazu prädestiniert, den einmal eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Innerhalb kurzer Zeit erschienen beim Arena-Verlag fünf Bände, in denen amerikanische Kolonialzeit, die Eroberung der Prärien, der Vorstoß der Eisenbahn- und Postkutschenlinien erzählerisch aufbereitet wurden. Hermann hat mit seinen Titeln eine intelligente Form gefunden, hinter dem abenteuerlichen Leben historischer Gestalten die Geburt einer Nation und den Aufstieg der amerikanischen Demokratie nachzuzeichnen, deren Abstieg er im beim Herder-Verlag gerade veröffentlichten Band "Schwarzes Amerika" nach Augenschein und Interviews festhielt.

Wer sich und seinen heranwachsenden Söhnen und Töchtern eine anschauliche Vorstellung davon vermitteln will, was im Westen wirklich los war, sei nachhaltig auf Christopher S. Hagen verwiesen. Er hat seit dem Vorjahr drei hochdramatische Bände verfaßt, in denen in sprachgewaltig balladeskem Stil die Coltmänner, Cowboys, die Texas Rangers, Bahnbauer und Desparados aus staubigen Gräbern wieder auferstehen. Für sein Buch "Geheimauftrag" erhielt er den diesjährigen "Gerstäcker-Preis" der Stadt Braunschweig. "Feuerrauch und Pulverdampf" hätte ihn genau so verdient, und "Rebellion der Rebellen" halte ich für das zur Zeit beste Buch in der Westernliteratur.

Erzählt wird von einer männermordenden Fehde, die sich in den Jahren nach dem Bürgerkrieg in Texas nach den Gesetzen einer antiken Tragödie abspielte. An die Stelle des griechischen Kothurns waren dabei die großräderigen Sporen mexikanischer Rindertreiberstiefel gesetzt worden; die blind zuschlagende Nemesis, das "Schicksal" war in sechsschüssige Colts gekrochen.

Christopher S. Hagen versteht es geschickt, vor malerischer Kulisse temporeiche Aktionen, dramatische Konflikte und Abläufe zu entwickeln. Die leider noch ungedrehten, überdurchschnittlichen Filme zu diesem Thema braucht man nach der Lektüre wirklich nicht mehr zu sehen.

Die schöne Masche des Herder-Verlags, den Umschlag aus einem zusammengefaltenen Poster mit Kutschen-, Eisenbahn- oder Steckbriefmotiven zu basteln, wurde inzwischen von anderen Unternehmen freudig nachgeahmt. So wirbt der Schwann-Verlag für sein Buch "Wanted" von Hans C. Blumenberg ebenfalls mit einem Plakat, dessen kanten- und eckenreiche Motive von Rüdiger Eschert gezeichnet wurden. Thema dieses Buches ist ebenfalls Authentisches: Das Drama gegenseitiger Hinmeuchelung zwischen der Clinton-Bande, Virgil Earp, Morgan und Wyap Erp, Indian Charly und anderen wilden Burschen.

Auch Karl A. Franks Legenden, Historien und Ereignisse "nach alten Chroniken vom Rio Grande und daneben" vertrauen auf "Geschichten, die das Leben schrieb". Hier sind verschiedene scharfe Sachen von Geister- und Aberglauben, von Silberräubern und Schatzgräbern versammelt, vorgestellt in kernigen Sätzen und männiglicher Rede, exotisch mit amerikanischen und mexikanischen Slangbrocken durchsetzt (deren jeweilige Bedeutung auf deutsch in Klammern hinzugefügt ist).

"You don’t know anything about the Wild West. You don’t!" – so steht es markig auf dem Schwann-Poster. Der Kritiker vermochte erstmals vor der Lektüre keinen professionellen Widerspruch anzumelden. Horst Künnemann