Die Ankündigung der Automobilindustrie, ein Sicherheitsauto zu entwickeln, hat die Diskussion über die Frage "Wie sicher sind unsere Autos?" neu belebt. In einer lösen Folge von Artikeln wollen wir deshalb untersuchen, was die Automobilhersteller für die Sicherheit ihrer Kunden tun. Wir beginnen mit einem Beitrag über Windschutzscheiben.

Repräsentative Untersuchungen in den USA sprechen eine deutliche Sprache: 11,3 Prozent der schweren oder tödlichen Verletzungen bei Autounfällen werden durch Windschutzscheiben verursacht. In deutschen Kliniken wurde in den letzten Jahren eine beunruhigende Zunahme von Augenverletzungen bei Verkehrsunfällen festgestellt. Während ihr Anteil in den fünfziger Jahren noch bei zwei Prozent lag, liegt er heute bei 25 bis 30 Prozent.

Die Augenklinik der Universität München berichtet von schockierenden Statistiken: Von 180 Unfallverletzten, die innerhalb von drei Jahren behandelt wurden, erblindeten 72 auf einem Auge. Nur 44 Prozent erlangten die volle Sehkraft zurück. Rund 95 Prozent der behandelten Augen von Unfallverletzten waren durch Glasreste geborstener Windschutzscheiben verletzt worden. Dabei handelte es sich fast ausschließlich um Verletzungen durch das bei uns als Windschutzscheibe noch immer vorwiegend eingebaute Einscheiben-Sicherheitsglas.

Professor Gögler von der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg berichtete kürzlich auf einer internationalen Pressekonferenz über 166 Unfälle mit Windschutzscheibenbruch, von denen 132 zu Gesichtsverletzungen durch Glassplitter führten. Interessant war seine Feststellung, daß bei Unfallopfern durch Einscheibenglas zunehmend sogenannte Halskrausen ermittelt wurden, die man früher nur in der ersten Entwicklungsstufe des inzwischen weiter verbesserten Verbundglases beobachten konnte. (Verbundglas besteht aus zwei Glasschichten und einer dazwischenliegenden Kunststoffschicht. Im Falle eines Bruches haften die Glasstücke an der Kunststoffschicht und bleiben an ihrem Platz.) Obwohl in den USA, Kanada, Schweden, Norwegen und Italien auf Grund der mit Verbundglas gemachten Erfahrungen der Einbau dieses Sicherheitsglases inzwischen vorgeschrieben wurde, wollen manche Hersteller in der Bundesrepublik, in Frankreich und England diese Vorteile noch nicht wahrhaben. Sie verzetteln sich in einem Diskussionskrieg mit Fachleuten unabhängiger Institute. Und was soll man zur Verkaufspolitik der Firma Fiat sagen, für deren Typen 850, 128 und 124 es in der Bundesrepublik nicht einmal gegen Aufpreis Verbundglasscheiben gibt, während die gleichen Modelle in Italien (weil es dort vorgeschrieben ist) mit Verbundglas verkauft werden?

Natürlich ist der Prozentsatz von Augenverletzungen kein alleiniges Kriterium. Es geht ja auch um andere gefährliche Verletzungen, wie zum Beispiel Schädelbrüche, Halswirbelverletzungen und Gehirnerschütterungen. Frühere Untersuchungen haben ergeben, daß schätzungsweise rund 30 Prozent aller Gehirnerschütterungen auf Kopfstöße des Fahrers oder Beifahrers gegen die Windschutzscheibe zurückzuführen sind. Hier sind nach Meinung deutscher Fachleute vielleicht sogar die größeren Probleme zu lösen.

Fest steht indessen, daß in den USA der Prozentsatz der mittleren und schwereren Verletzungen bei Verwendung von Verbundscheiben erheblich abgenommen hat. Der letzte Bericht (1968) der Cornell-Universität, die auf diesem Gebiet die umfassendsten Untersuchungen vorgenommen hat, nennt folgende Zahlen:

  • Rückgang der tödlichen Verletzungen von 4,1 Prozent auf 2,8 Prozent;
  • Rückgang der gefährlichen Verletzungen von 4 Prozent auf 1,3 Prozent;
  • Rückgang der mittleren Verletzungen von 34,9 Prozent auf 29 Prozent.