Von Wolfgang Weyrauch

Gedichte wären schummrig? Wenn sie schlecht sind, können sie ruhig schummrig sein: dann diskutiert man nicht darüber. Die hier aber –

Hilde Domin: "Ich will Dich"; R. Piper & Co. Verlag, München; 46 S., 9,80 DM

sind gut. Kann man gut steigern? Man kann das Ja nur erläutern. Falls ein Beleg gelingt, hat man, hoffentlich, aus den Rezensionslesern Lyrikleser gemacht.

Ich habe manche Gedichte von Hilde Donin gelesen: Teils zogen sie mich an, teils erreichten sie mich nicht, ein paar schüttelten mich. Das neue Buch insgesamt versetzt mich in die Situation eines Lichtenbergschen Anglers, der gefragt wird, ob er etwas gefangen habe, und er antwortet: Nichts als einen Fluß.

Ehe ich im Band zu lesen anfing, war ich in einem Zustand; danach war ich in einem andern, in einem neuen Zustand. Ich befand, und befinde, mich also in der letzten Zeile des Buchs, die heißt: der neue Zustand. Er wird im Motto, das einem Gedicht entnommen ist, bezeichnet: Damit es anders, anfängt zwischen ins allen.

Vielleicht könnte man sagen, daß keines dieser Gedichte stumm ist. Das ist viel, denn allmählich sind die meisten unsrer gegenwärtigen Gedichte unhörbar geworden, unhörbar und unsichtbar, und zwar für die, welche auch in Gedichten etwas Konkretes antreffen wollen, und wenn es noch so eingewickelt ist – nur auswickeln möchten sie es gern.