ARD und ZDF, Sonntag, 8. November: Berichte von der Wahl in Hessen

Die Kicker kickten, und die Wähler wählten, Pferde und Freidemokraten übersprangen die Hürden, zu Toto- und Lotto-Nummern gesellten sich die Prozente aus Marburg und Darmstadt. "Verzeihen Sie, daß ich Ihnen nun auch noch mit Zahlen komme", sagte Moderator Huberty, so als sei in der Tat das Abschneiden des KSV Köllerbach, der Qualität nach, identisch mit dem Abschneiden der DKP oder der Sozialdemokraten, als gäbe es keine Unterschiede zwischen dem Ergebnis von Villingen und dem Ergebnis von Frankfurt (CDU 13 Punkte gewonnen, Formanstieg der FDP).

McLuhans These wurde bestätigt, das Medium war die Botschaft, Sport und Politik hatten den gleichen Plausibilitätsgrad, die vertauschbare Darbietungsform (Und nun die Stimmen der Trainer. Was sagt Otto Knefler, wie beurteilt Hans Dietrich Genscher das Abschneiden seiner Partei) gab der tautologischen Aussage "Zahl ist Zahl" Anschaulichkeit. Man notierte Ergebnisse (teils in kurzen Spots, teils in sogenannter Geisterschrift: Ein Pensionär lärmt am Fahrkartenschalter, darunter die Trendmeldung), man befragte, am Main und am Rhein, die Experten, und die sagten dann Sätze wie diese: "Durch die Wahl ist die CDU koalitionsfähig geworden, wenn nicht jetzt, dann 1974." (Was aber, wenn die SPD das nächste Mal die absolute Mehrheit wiedergewinnt?)

Wäre nicht der eine Herbert Wehner gewesen, der an die Stelle der (erwarteten) Phrase die (verfremdend wirkende) brutale Ehrlichkeit setzte (Frage: "Können Sie sagen, warum Ihre Partei in Südhessen verloren hat?" Antwort: "Nein.") und durch ironische Improvisationen den Stereotypen-Austausch als Stereotypen-Austausch entlarvte (Brechtsche Replik auf Kiesingers Erklärung, er habe auf achtzig Wahlveranstaltungen gesprochen: "Auch bei Regenwetter? Heroisch, der Mann") – wäre nicht Herbert Wehner gewesen, die Übereinstimmung der Konsumartikel Sport und Politik hätte sich plastischer nicht darbieten können.

Die Interviewer, teils wie (schlechte) Sportreporter, teils wie Graf Poldi agierend, ließen Phrasen Phrasen sein, man faßte nicht nach, man forderte Ausflüchte, statt sie zu denunzieren, heraus (nur Rudolf Wollers paradox zugespitztes Resümee hatte Niveau), man scheute sich, Prophetie und Resultat einander gegenüberzustellen. (Dregger in der Appel-Runde vor der Wahl: "Es wird nur noch zwei Parteien geben.")

Befragung der Wähler, um festzustellen, ob sie denn überhaupt wußten, worüber sie abstimmten an diesem Tag, Analyse der Parolen, Beschreibung von Kausalitäten, Relationen, Abhängigkeiten: Darstellung eines Politikums also, das gerade in unpolitischer Drapierung (drapiert von wem?) ein exakt klassifizierbares Politikum bleibt. Momos