Ein Teil dieser Reformen wird hier und dort unter dem Zwang der Verhältnisse schon praktiziert – der Gesetzgeber legitimiert und verbreitert damit Ansätze, die bereits bestehen.

Sturm laufen die Ersatzdienstler gegen zwei Gesetzesänderungen, die ihrer Meinung nach den Ersatzdienst in einen milden "Reichsarbeitsdienst" verwandeln und den Gleichheitsgrundsatz verletzen.

Die Regierung will die Aufgaben des "Zivildienstes" (so der neue Name für den Ersatzdienst) neu bestimmen: Künftig soll der Kriegsdienstverweigerer dem Gemeinwohl in allen sozialen und technischen Bereichen und, soweit dringender Bedarf vorhanden, auch in der öffentlichen Verwaltung dienen, "öffentliche Verwaltung" ist ein dehnbarer Begriff und riecht in der Tat nach Arbeitsdienst, zumal der zuständige Kabinettsausschuß befunden hat, "daß Dienstleistenden auch körperliche Arbeit zuzumuten ist". Die Bundesbahn hätte, so Iven, "eine fast uneingeschränkte Zahl von Plätzen" verfügbar. Auch mit Bundespost und Berufsfeuerwehren verhandelt er. Schon protestiert der DGB: Dienstpflichtige dürften nicht privatwirtschaftlichen und fiskalischen Interessen nutzbar gemacht werden. Die Sprecher der Ersatzdienstler gebrauchen noch härtere Vokabeln: "billige Arbeitskräfte", "Streikbrecher", "Lückenbüßer", "Ausbeutung".

Die Ersatzdienstler beschweren sich, daß ihre seit Monaten bekannten eigenen Vorschläge zur Erschließung neuer Arbeitsplätze im Gesetzentwurf gar nicht vorkommen: Einsatz in Heimen für milieugeschädigte oder schwererziehbare Kinder, in Strafanstalten, Trinkerheilstätten, Obdachlosenasylen und Lehrlingsheimen, bei der Betreuung von Gastarbeitern und jugendlichen Touristen, in Organisationen und Instituten der Friedensforschung. Dazu meint man in Bonn, daß der Passus "sozialer Bereich" dergleichen durchaus abdecken könne. In Baden-Württemberg sind bereits Ersatzdienstler pädagogisch tätig.

Das Kabinett hat ferner vorgeschlagen, die Dienstzeiten für Kriegsdienstverweigerer, die zur Zeit ebenso wie bei den Soldaten achtzehn Monate umfaßt, um jene Zeitspanne zu verlängern, die Bundeswehrreservisten im Durchschnitt mit Übungen ausfüllen. Wie man hört, sollen jedoch höchstens drei Monate an die reguläre Dienstzeit angehängt werden.

Bonn hält dieses Mehrsoll für Wehrgerechtigkeit. Die Bundeswehr will künftig mehr Reservisten als bisher zu Übungen einberufen, so daß es recht und billig erscheint, die Ersatzdienstler in dieser Hinsicht gleichzustellen. Den Kriegsdienstverweigerern freilich wird es niemand verargen, wenn sie Ärgeres vermuten. Will der Staat die Verweigerer durch die Aussicht auf 21 Monate Dienst abschrecken? Warum sollte es nicht möglich sein, Formen zu finden, die es auch den Ersatzdienstlern erlaubten, wie die Soldaten ihre Übungen zu späterer Zeit zu absolvieren?

Ein Punkt, über den der Gesetzgeber schwerlich mit sich reden lassen wird, ist das von den Ersatzdienstlern beanspruchte Recht, auch während der Dienstzeit politisch, das heißt im pazifistischen, gesellschaftskritischen Sinne, tätig sein zu dürfen. Hier galt der Grundsatz der Gleichheit zwischen Soldaten und Ersatzdienstlern. Freilich sieht es in der Praxis nicht immer so schlimm aus, wie es die Ersatzdienstler behaupten. Ein Krankenpfleger etwa wird in einem Gespräch am Krankenbett leicht eine Gelegenheit finden, für seine Idee zu werben. Jeder Ersatzdienstler ist schon durch seine bloße Existenz ein Propagandist für den Frieden. Ohnehin ist die Zahl der Kriegsdienstverweigerer allen Diffamierungen und Disziplinarstrafen zum Trotz von Jahr zu Jahr gestiegen. 1969 waren es über 14 000, in diesem Jahre werden es vermutlich an die 20 000 sein.

Bundestag und Bundesrat würden gut daran tun, dem Gesetzesentwurf keine Stacheln aufzupfropfen. Zivildienst darf auch nicht im entferntesten nach Strafdienst aussehen. Zivildienst ist Friedensdienst. Es sollte selbstverständlich sein, daß dem "Friedensdienst ohne Waffen" der gleiche Rang gebührt wie dem "Friedensdienst mit der Waffe".