Von Wolfgang Müller-Haeseler

Die Börse war schockiert, Hamburgs Wertpapierhändler sparten nicht mit kräftigen Ausdrücken; sie sprachen von "Roßtäuscherei" und "Mißhandlung der Aktionäre". In den Börsensälen macht das böse Wort von den "Farbenwerten als den Montanen der siebziger Jahre" die Runde. In der Öffentlichkeit wurde der Ruf nach einem "Eingreifen des Bundeswirtschaftsministeriums" (die Hamburger WELT) laut. Anlaß des Zorns waren in der vergangenen Woche die Farbenfabriken Bayer AG, die ein paar Tage zuvor wegen ihres Zeitpunkts ohnehin verstimmende Kapitalerhöhung annonciert hatte und erst einen Tag nach dem Beginn des Bezugsrechtshandels mit mehr als betrüblichen Zahlen über die Gewinnentwicklung in den ersten drei Quartalen dieses Jahres herausrückte.

Da half es auch nichts, daß der Leverkusener Weltkonzern den zur Kasse gebotenen Aktionären die bittere Pille mit einer dünnen Zuckerschicht überzog. Wer junge Bayer-Aktien aus der Kapitalerhöhung um 190 Millionen Mark zum Kurse von 200 Prozent bezieht, also 100 Mark für eine 50-DM-Aktie, ist an dem Gewinn dieses Jahres noch für drei Monate beteiligt, obwohl er erst einen Monat vor dem Ablauf des Geschäftsjahres in die Tasche greifen muß.

Innerhalb von zehn Tagen verlor die Bayer-Aktie rund zehn Prozent ihres Wertes, ihr Kurs rutschte von 137 Mark auf 122,20 Mark; das Bezugsrecht wurde mit nur 1,60 Mark sogar unter der rechnerischen Parität gehandelt.

Der voraussichtliche Gewinn dieses Jahres war es, der die Erregung bei Börsianern und Aktionären auslöste. Für die ersten drei Quartale gab Bayer-Boß Professor Kurt Hansen einen Gewinnrückgang vor Steuern von nichtweniger als 28,1 Prozent bekannt: statt 637 Millionen im gleichen Zeitraum des Vorjahres blieben diesmal nur 458 Millionen Mark in der Bayer-Kasse übrig. Sicher, den Löwenanteil an der Ertragsminderung muß der Fiskus tragen; er hat bis September von Bayer nur 214 Millionen erhalten, 1969 waren es immerhin 129 Millionen Mark mehr. Nach Steuern verbleibt Bayer noch, ein Betrag von 244 Millionen, 50 Millionen oder 17 Prozent weniger als im Vorjahr.

Neben dieser Hiobsbotschaft aus Leverkusen nehmen sich die Ertragsrechnungen der beiden großen Mitkonkurrenten Hoechst und BASF vergleichsweise harmlos aus: Hoechst meldete für die ersten acht Monate einen Gewinnrückgang nach Steuern um 26 Millionen Mark oder 9.7 Prozent, während die unter erheblichen finanziellen Anspannungen leidende Ludwigshafener BASF sogar für neun Monate noch eine winzige Gewinnsteigerung um eine Million Mark oder 0,4 Prozent ausweist. Hier allerdings hat die BASF Zuflucht zu einer Schonung des Ertragsbildes genommen, denn die an sich in diesem Jahr fälligen Abschreibungen auf die Phrix-Misere werden offensichtlich erst am Jahresende erfolgen, so daß das relativ freundliche Bild wohl noch einige dunkle Flecken erhalten wird.

An der augenblicklichen tristen Verfassung der deutschen Großchemie ändert es auch nichts, daß aus Leverkusen, Hoechst und Ludwigshafen versichert wird, die Aktionäre würden für 1970 die gleiche Dividende wie im Vorjahr erhalten. Und Kurt Hansen ging sogar so weit, auch für 1971 die gleiche Ausschüttung in Aussicht zu stellen.