Von Karlheinz Kleps

Wenn von einer Annäherung der Systeme überhaupt die Rede sein kann, dann nur in dem Sinne, daß die westlichen Industrieländer immer mehr nach links tendieren. Sie planen immer stärker den Wirtschaftsablauf, das Eigentumsrecht wird eingeschränkt, in den Marktmechanismus wird an vielen Stellen eingegriffen. Im Osten ist es dagegen noch zu keiner echten Liberalisierung des wirtschaftlichen und sozialen Systems gekommen. Zu diesem Ergebnis kam Karlheinz Kleps, Professor für Nationalökonomie an der Universität Linz, im zweiten Teil seiner Analyse. Die sogenannte Konvergenztheorie scheint also allenfalls durch die Entwicklung im Westen bestätigt zu werden. Aber darf man den Kapitalismus deshalb schon totsagen, befindet er sich auf einem unaufhaltsamen Marsch in den Sozialismus?

Die marktwirtschaftlichen Systeme der westlichen Welt, also insbesondere diejenigen der meisten westeuropäischen Industrieländer, haben in den vergangenen Jahrzehnten ihre Standorte auf der Systemskala zwischen Plan- und Marktwirtschaft verändert. Unter Aufrechterhaltung der grundlegenden, zumeist verfassungsmäßig verankerten Wert- und Zielsysteme sind hinsichtlich der Eigentumsverhältnisse, der wirtschaftspolitischen Lenkungssysteme sowie der staatlichen Verwaltungs- und Kontrollorgane Entwicklungen eingetreten, die bei im wesentlichen unverändert gebliebenen Positionen der im sowjetischen Machtbereich gelegenen sozialistischen Wirtschaftssysteme zu einer einseitigen Annäherung an den Osten geführt haben. Aus dieser Feststellung ergeben sich drei Fragen:

  • Wie sind die bisher eingetretenen Wandlungen der westlichen Wirtschaftssysteme und ihre bereits absehbaren künftigen Entwicklungstendenzen zu beurteilen?
  • Welche Chancen bestehen hinsichtlich eines künftigen Wandels der sozialistischen Wirtschaftssysteme im Sinne einer Annäherung an den Westen?
  • Welche Schlußfolgerungen ergeben sich aus der Beantwortung der beiden erstgenannten Fragen?

So zweifelsfrei die Wirtschaftssysteme; der westlichen Welt ihre früheren, im Zeichen des klassischen Liberalismus bezogenen und noch zu Beginn dieses Jahrhunderts behaupteten Positionen aufgegeben und seither innerhalb der marktwirtschaftlichen Zone auf der Systemskala zunehmend, weiter nach links verlagert haben, und zwar in einem von Land zu Land sehr unterschiedlichen Ausmaß, so unbestreitbar dürfte zunächst auch die weitere Feststellung sein, daß diese bisherigen Standortveränderungen nicht im Sinne der marxistischen Vision vom unabwendbaren Zusammenbruch des Kapitalismus eingetreten sind. Denn von einer zunehmenden Verödung der ökonomischen Landschaft, in der es, jener Vision zufolge, schließlich nur noch einige wenige, alles beherrschende Mammutuntenehmungen geben soll, kann ebensowenig die Rede sein wie von immer heftiger werdenden Wirtschaftskrisen und fortschreitender Verelendung der Massen.

Die aufgezeigten Wandlungen stellen vielmehr im wesentlichen das Ergebnis problem- und zielbewußter Bestrebungen dar, die ursprünglichen Ungleichgewichte der ökonomischen Machtverteilung zwischen privaten Kapitaleigentümern, Arbeitnehmern und Staat zu überwinden und zwischen individueller Entscheidungsfreiheit und staatlicher Verantwortung für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung zu optimalen Kompromißlösungen zu gelangen.

Gewiß sind derartige Lösungen noch keineswegs allenthalben erreicht. Das lassen beispielsweise die vielschichtige Problematik der bestehenden Vermögensverteilung und die vielfach unbefriedigende Raumordnung ebenso erkennen wie die gravierenden Mängel des Systems der sozialen Sicherung etwa in den USA. Andererseits hat die Entwicklung in einigen westeuropäischen Industrieländern auch bereits zu offenkundigen Übersteigerungen des staatlichen Interventionismus und – zumeist eng damit verbunden – der staatlichen Bürokratie geführt, deren negative Auswirkungen auf die Anpassungsfähigkeit und Dynamik der betreffenden marktwirtschaftlichen Systeme, inzwischen nicht mehr zu übersehen sind. Im übrigen aber dürfte nicht zu bestreiten sein, daß die in den vergangenen Jahrzehnten eingetretenen Wandlungen der westlichen Wirtschaftssysteme erhebliche Steigerungen der ökonomischen Leistungsfähigkeit bewirkt haben.