Eine eindrückliche Bestätigung dafür, wie sehr damit die bisherige Entwicklung von der marxistischen Vision abgewichen ist, liefern neben den Diskussionen über den Einbau marktwirtschaftlicher Steuerungselemente in die sozialistischen Wirtschaftssysteme auch jene Kritiker des Kapitalismus, die ihn, wie es in dieser Zeitung unlängst hieß, "einst für die Verelendung der Massen verantwortlich gemacht haben und ihn nun der Verführung zum Konsum anklagen" (Jungblut).

Für die in jüngster Zeit wieder häufiger anzutreffende Behauptung, der Kapitalismus sei tot oder sein Ende stehe zumindest unmittelbar bevor, bietet die Realität somit bislang keine überzeugende Rechtfertigung. Nach wie vor gründen sich derartige Aussagen allein auf die "Logik" einer historischen Stufentheorie, nach der auf "Ursprung", "Entfaltung" und "Höhepunkt" notwendigerweise irgendwann einmal auch "Niedergang" und "Absterben" folgen müssen.

Wie unbestimmt und unsicher aber solche Theorien als Grundlage historischer Standortbestimmungen sind, läßt schon die Stellung der "Verschwörungstheorie" im marxistischen und neomarxistischen Aussagensystem erkennen, mit der für jegliches Versagen geschichtstheoretischer Spekulation ein plausibel erscheinendes Alibi geliefert wird. Konsequent angewandt, müßte sie sogar zur Aufdeckung eines "Geheimbundes" auch zwischen Marxisten und Kapitalisten führen, denn es besteht wohl kein Zweifel daran, daß die bisherige Behauptung, Anpassung und Festigung des Kapitalismus zu einem erheblichen Teil auch dem Wirken von Karl Marx zuzuschreiben ist.

Soweit gleichwohl inzwischen Anlaß dazu besteht, auf die Gefahr einer fortschreitenden Systemverschlechterung und eines Abgleitens in die mittlere Zone der funktionsschwachen Mischsysteme hinzuweisen, sind die Ursachen dafür gewiß nicht auf dem von Marx prophezeiten Weg zu suchen, sondern einerseits bei den zunehmenden Ansprüchen, die allenthalben an den Staat gestellt werden, und andererseits bei der von einer expandierenden Bürokratie begünstigten Eigendynamik des staatlichen Interventionismus. Am Ende dieser Parallelentwicklung steht ein neues Ungleichgewicht der ökonomischen Machtverteilung, das kaum weniger problematisch sein dürfte als das ursprüngliche.

Während die Wandlungen der westlichen Wirtschaftssysteme zu Standortverlagerungen innerhalb der marktwirtschaftlichen Zone der Systemskala nach links geführt haben, zeichnet sich auf der Gegenseite zur Zeit ein Entwicklungsprozeß ab, der von den Zentralisten in Moskau bestimmt wird und im Zeichen der Breshnjew-Doktrin deutlich in die Richtung einer stärkeren Systemdivergenz weist, d. h. ebenfalls weiter nach links führt. Das besagt natürlich durchaus noch nicht, daß es nicht irgendwann einmal auch wieder – wie ähnlich nach dem Parteitag, der KPdSU im Februar 1956 – zu einer erneuten "Tauwetterperiode" mit gewissen Auswirkungen auch auf den ökonomischen Liberalisierungsgrad kommen kann.

Die politische Seite

Die Frage ist nur, ob eine solche neuerliche Umkehr der Entwicklung über ein von Partei und Staatsapparat verfügtes und kontrolliertes Experimentiermaß hinausgehen und ökonomischen Gesetzmäßigkeiten entsprechen könnte, wie sie den beiden westlichen Versionen von einer Annäherung der Systeme zugrundeliegen. Auf diese Frage wird man jedoch eher eine negative Antwort geben müssen, und zwar vor allem auf Grund folgender Erwägungen: