Die verschiedenen Ordnungen eines Landes, d. h. vornehmlich die politische, die gesellschaftliche, die wirtschaftliche und die rechtliche Ordnung, sind wechselseitig aufs engste miteinander verbunden. Sie beruhen, wenn man von den funktionsschwachen Mischsystemen in der mittleren Zone der Systemskala absieht, gleichermaßen entweder primär auf den Prinzipien des totalitären Zentralismus oder primär auf denen des demokratischen Dezentralismus. Das heißt, anders ausgedrückt: Das Verhältnis, in dem die beiden unterschiedlichen Ordnungsprinzipien miteinander verbunden sind, ist in jedem Land oder in jedem Herrschaftsbereich bezüglich der jeweiligen politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und rechtlichen Ordnung im wesentlichen und auf die Dauer stets das gleiche. So kann es, wie auch alle bisherigen Erfahrungen bestätigen, beispielsweise neben dem Machtanspruch einer zentralistisch straff organisierten Einheitspartei und ihres Staatsapparates keine freiheitliche Rechtsordnung und auch keine freiheitliche Wirtschaftsordnung geben – und umgekehrt.

Welche reale Bedeutung dieser Interdependenz der Ordnungen beizumessen ist, haben die Machthaber in der Sowjetunion nicht erst während des "Prager Frühlings" erkannt, sondern angesichts des damaligen "Revisionismus" als einer Begleiterscheinung der "Neuen ökonomischen Politik" (NEP) schon in den 20er Jahren und später, vor allem \auch in Anbetracht der Unabhängigkeitsund Liberlisierungsbestrebungen in Jugoslawien (1948), Ostdeutschland (1953), Ungarn (1956) und Polen (1956).

Ihre jeweiligen Reaktionen lassen – wie ähnlich auch die Schriftstellerprozesse der letzten Jahre – keinen Zweifel daran, wie sehr sie sich dessen bewußt sind, daß sich unkontrollierte Liberalisierungstendenzen in Wirtschaft und Gesellschaft sehr rasch ausbreiten können und, sobald sie ein noch zulässiges Maß überschreiten, auch vor der politischen Ordnung nicht Halt machen. Dies aber würde letztlich nichts anderes bedeuten als eine unmittelbare Bedrohung ihrer eigenen Machtpositionen. Daher erscheint es auch durchaus verständlich, daß sich die heftigsten Angriffe der sowjetischen Parteiführung seit der Intervention in der ČSSR neben dem Maoismus auch gegen den Reformkommunismus und gegen die Theorie von den "verschiedenen Wegen zum Sozialismus richten.

Dies führte dann auch zu der tragischen Ent wicklung, die seit Anfang 1968, in der Tschechoslowakei eingetreten ist. Denn während die gleichzeitig in aller Stille eingeleiteten Reformen in Ungarn auf die Wirtschaft beschränkt geblieben sind und sich auch hier nur in solchen, von der alten politischen Führungsschicht selbst festgelegten und kontrollierten Bandbreiten bewegen, die sich gegenüber dem großen Bruder" noch mit dem Argument einer Erhohung der Systemeffizienz im Interesse von Partei und Staatsapparat begründen lassen, sind ganz im Unterschied dazu die Wogen der lautstarken. Reformeuphorie in der ČSSR mit dem personellen Wechsel auch in der politischen Führung sogleich weit über den ökonomischen Bereich hinausgegangen. In aller Offenheit wurde von den Reformern in Prag über Rundfunk und Fernsehen bereits die Überzeugung verkündet, es existiere nur ein einziger Weg zur Rettung des Sozialismus, nämlich der, sein wirtschaftliches und politisches Modell grundlegend zu ändern.

"Nach dem Januar 1968", so hat Ota Šik inzwischen. wiederholt erklärt, "versuchten wir in der Tschechoslowakei. den Weg zu dieser Veränderung anzutreten." Damit entsprachen die Vorstellungen der Prager Reformer zwar auch der Einsicht in die Interdependenz der Ordnungen, aber auch in Moskau sah man diesen Zusammenhang, beurteilte ihn aber ganz anders – zum Leidwesen der tschechoslowakischen Bevölkerung.

Neben dem Vergleich der in Ungarn und in der Tschechoslowakei seit Anfang 1968 eingetretenen Entwicklungen lassen auch die gegenwärtigen Machtkämpfe zwischen Zentralisten und Dezentralsten in der Sowjetunion selbst erkennen, wie eng der Spielraum für liberale Reformen in den sozialistischen Ländern bis heute geblieben, ist. Aber auch künftig dürfte er mit einiger Wahrscheinlichkeit kaum größer werden, und zwar so lange nicht, wie die KPdSU und ihr übermächtiger Staatsapparat sich der Problematik der Ordnungsinterdependenz bewußt bleiben und sie in der Lage sein werden, ihren bisherigen Machtanspruch innenpolitisch und gegenüber den sozialistischen Partnerstaaten auch weiterhin zu behaupten.

Bestrebungen, die mit dem fortschreitenden Übergang vom extensiven zum intensiven Wirtschaftswachstum immer deutlicher zutage tretenden Mängel der sozialistischen Wirtschaftsplanung durch die Übernahme marktwirtschaftlicher Steuerungselemente zu überwinden und damit ökonomischen Gesetzmäßigkeiten zu entsprechen, wird es gewiß auch in Zukunft immer wieder geben. Die Möglichkeit indessen, daß sie über ein jederzeit kontrollierbares und gegebenenfalls auch wieder reduzierbares Experimentiermaß hinausgehen könnten, dürfte sich künftig eher noch verringern.