Das gilt vor allem dann, wenn es den Sowjets gelingen sollte, ihre Vorstellungen von einem europäischen Sicherheitsabkommen zu realisieren und damit für unabsehbare Zeit einen zusätzlichen Damm zu errichten, hinter dem die Breshnjew-Doktrin ihre volle Wirksamkeit erlangen würde. Denn nichts könnte die "neuen Zaren" dann mehr davon abhalten, Interventionen wie in der ČSSR gelegentlich andernorts zu wiederholen.

Die Anhänger der Konvergenztheorie haben bisher wohlweislich davon abgesehen, zu konkretisieren, was ihnen als "das Beste aus beiden Welten" und damit als Schlußresultat einer beiderseitigen Systemannäherung vorschwebt. Auch die ebenfalls naheliegende Frage, ob ein derartiger Prozeß überhaupt zu einer schließlich völligen Übereinstimmung der bislang noch sehr verschiedenartigen Systeme führen könnte oder ob ihm nicht auf beiden Seiten gewisse Grenzen gezogen wären, ist bisher von ihnen unbeantwortet geblieben.

Theoretisch betrachtet, müßte bei einer beiderseits fortschreitenden Annäherung die Begegnung, schließlich in der mittleren Zone der Systemskala stattfinden, d. h. also in jener Zone, in der sich die prägende Kraft einerseits der marktwirtschaftlichen Steuerung und andererseits der zentralen planwirtschaftlichen Lenkung mit zunehmender Annäherung an die Schwelle der Systemtransformation immer mehr verliert. Die Möglichkeit einer derartigen Entwicklung muß jedoch als völlig irreal bezeichnet werden, und zwar aus folgenden Gründen:

  • Erstens ist die optimale Kombination des "Besten aus beiden Welten", was immer auch die Konvergenztheoretiker darunter verstehen mögen, gewiß nicht in der mittleren Zone der Systemskala zu finden. Das bestätigt auch die Realität, und zwar insofern, als in dieser Zone alle diejenigen Wirtschaftssysteme anzutreffen sind, die sich auf Grund des Fehlens der prägenden Kraft einer der beiden unterschiedlichen Lenkungsprinzipien nicht nur durch ökonomische Ineffizienz, sondern in aller Regel auch durch politische Instabilität auszeichnen.
  • Zweitens erscheint ein allmähliches Abgleiten der östlichen Wirtschaftssysteme in die mittlere Zone nicht nur deshalb als unwahrscheinlich, weil – wie bereits dargelegt – früher oder später politische Reaktionen zu erwarten wären. Vielmehr würde, wenn derartige Reaktionen ausblieben, ein solcher Prozeß sehr bald und unweigerlich an den Punkt des Umschlagens in die konträre Ordnung führen. Zweifellos war die Tschechoslowakei vor dem 21. August 1968 diesem Punkt bereits sehr nahegekommen.
  • Drittens ist – analog dazu – auch ein immer tieferes Eindringen der westlichen Wirtschaftssysteme in die mittlere Zone als abwegig zu betrachten. Denn fraglos liegt auch auf dieser Seite irgendwo ein psychologischer Bruchpunkt, an dem eine allgemeine Unzufriedenheit mit der sich verringernden Systemeffizienz ebenfalls zu einem revolutionären Sprung über den Graben der funktionsschwachen Mischsysteme führen würde, es sei denn, es käme auch hier zu einer politischen Umkehr der Entwicklung.

Die Wirklichkeit ist anders

Wo die beiden Punkte des Umschlagens in die jeweils konträre Ordnung auf der Systemskala liegen, kann aus vielerlei Gründen weder für ein einzelnes Land noch für eine Gruppe von Ländern genau bestimmt werden. Aber das erscheint, zumal in Anbetracht der beiderseits zu erwartenden politischen Reaktionen, auch weniger wichtig. Wesentlich ist vielmehr, und darin besteht das aus allen bisherigen Betrachtungen zu ziehende Fazit daß die Konvergenztheorie wie auch die beiden Versionen von einer jeweils einseitigen Annäherung der Systeme auf Vorstellungen beruhen, die sich von der Realität her bislang in keiner Weise rechtfertigen lassen.

Selbst dann, wenn die östlichen Wirtschaftssysteme während einer neuerlichen "Tauwetterperiode" ihre Standorte innerhalb der planwirtschaftlichen Zone auf Grund entsprechender Reformen weiter nach rechts verlagern sollten, wird man von den beiden westlichen Alternativen einer Systemannäherung noch immer sehr weit entfernt sein.