Das erste internationale Theaterfestival in Madrid versprach ein Festival wie viele andere zu werden. Aus Frankreich kam eine Moliere-Aufführung, der "Rasende Roland" aus Rom fuhr, wie schon in Berlin oder in Paris, mit metallblitzenden Pferden wild unter die begeisterte Zuschauermenge, Spanien selbst trug, wie es sich gehört, mit einem Lope de Vega zum Festival bei – der "Estrella de Sevilla übrigens, ein Stück, in dem, was für damalige Zeitläufte verwegen genug ist, ein schuldiger und paranoider Monarch vorkommt, der Untertanen in Mord und moralische Verderbtheit hetzt.

Als das Tübinger Zimmertheater im eigens für das Festival restaurierten Teatro Maria Guerrero den ersten Abend seines zweitägigen Gastspiels absolvierte, kam es zu einem Zwischenfall. Von dem zweiten Rang aus rief eine Zuschauerin, daß dieses Festival eine falsche Freiheit vorgaukle, während der Staatsanwalt im Prozeß gegen die baskischen Widerstandskämpfer in Burgos gerade sechsmal die Todesstrafe gefordert hätte. Sie rief nach Amnestie, und Flugblätter, die diese Forderung ebenfalls erhoben, flatterten von den Rängen ins Parkett.

Nach dem Ende der Vorstellung erfuhren wir, daß die spanische Schauspielerin Julia Peña (sie wirkt unter anderem in Sauras letztem Film, dem "Garten der Lüste" mit) unter dem Verdacht verhaftet worden sei, die Zwischenruferin zu sein. In langen Gesprächen mit jungen spanischen Rechtsanwälten und Intellektuellen wurde auch klar, daß sie mit einer hohen Gefängnisstrafe zu rechnen hätte;

Am nächsten Morgen sollte ich bei einem dem Theaterfestival angeschlossenen Kongreß einen Vortrag über neue Tendenzen des deutschen Theaters halten. Zusammen mit Salvatore Poddine und den Ensemblemitgliedern des Tübinger Zimmertheaters kamen wir zu der Auffassung, daß angesichts der Verhaftung sowohl dieser Vortrag als auch ein Auftreten des Tübinger Zimmertheaters einer Mitschuld an der Verhaftung gleichkäme. Wir einigten uns also darauf, weder auf dem Kongreß offiziell zu sprechen noch am Abend die Vorstellung stattfinden zu lassen, falls Julia Peña nicht freigelassen werde. Die Festivalleitung, die davon erfuhr, strich mich daraufhin kurzerhand von der Rednerliste und wollte statt meiner einen polnischen Theaterwissenschaftler seinen für den nächsten Tag vorgesehenen Vortrag halten lassen. So mußte ich meinen Protest als Zwischenruf nach der offiziellen Eröffnung formulieren. Nachdem ich anfänglich zurechtgewiesen wurde, zogen mit mir viele der Anwesenden aus dem Saal, bis wir wieder hereingebeten wurden mit dem Versprechen, Julia Peña würde am Nachmittag freigelassen werden.

Dies alles fand im 3. November statt, an dem Tag also, für den die verbotenen und illegalen Arbeiterkommissionen zum Warnstreik im ganzen Lande aufgerufen hatten. Einmal, um höhere Löhne zu fordern. Zum anderen, um die politischen Urteile von Burgos zu verhindern, zumindest gegen sie zu protestieren. Der Streik sollte auch zeigen, daß der Aufruf der Comisiones Obreras im ganzen Land befolgt würde, daß also die illegale und verbotene Organisation durchaus kommunikativ funktionieren könne.

Das Datum erklärt die Nervosität der spanischen Behörden, die – wo sie sonst die lockeren Zügel bevorzugen – auf die rebellierenden Basken und die illegalen Arbeiterorganisationen ungeheuer hart und brutal reagieren, wohl, weil beide Bewegungen an neuralgische Punkte rühren und auch traumatische Ängste aus Bürgerkriegserfahrungen mobilisieren.

Was auf dem Theaterfestival passierte, war – so gesehen – nur ein kleiner Zwischenfall, der sich bereinigen ließ, weil er sozusagen in internationaler Öffentlichkeit stattfand. Aber an diesem 3. November fanden auch sonst, wie man hören konnte, zahlreiche Verhaftungen statt. Denn immerhin hatten allein in Madrider Betrieben nach offiziellen Angaben zumindest 16 000 Arbeiter die Arbeit zeitweilig niedergelegt. Hellmuth Karasek