Während viele politische Publizisten Albanien noch unverrückbar im Winkel ideologischer Exotik wähnen, hat ein Kenner exotischer Ferne Albaniens jüngste politische Annäherung an Europa beachtlich früh entdeckt. Das von Rolf Italiaander herausgegebene Buch

"Albanien – Vorposten Chinas"; mit Beiträgen von Wolfgang Bartke, Ilja Ehrenburg, Harry Hamm, Enver Hoxha u. a.; Delp’sche Verlagsbuchhandlung, München 1970, 282 Seiten, 18,– DM

ist aktueller und differenzierter als sein Titel. Denn es sagt nicht nur die stärkere Hinwendung nach Europa und zu den Nachbarn auf dem Balkan voraus (inzwischen hat Tirana diplomatische Beziehungen mit der Schweiz und den skandinavischen Staaten aufgenommen und sich an rund zehn internationalen Messen beteiligt), sondern mehrere Autoren verweisen auch auf eine geringfügige Abkühlung im Verhältnis zu Peking.

Der verblüffende Wandel in Tirana ist in der Tat mehr als ein pflichteifriges Einschwenken auf die neue chinesische Außenpolitik – die Entwicklung nach Drucklegung dieses Buches hat es an den Tag gebracht. Seit dem 10. ZK-Plenum im Frühsommer dieses Jahres ist deutlich geworden, daß Albaniens außenpolitische Schritte aus der Isolierung (1970: Handelsverträge mit 40 Ländern!) zum großen Teil von ökonomischem Umdenken geleitet werden.

Auch Albanien hat eine Stufe erreicht, auf der sich die bisher streng zentralistische Wirtschaftslenkung als eine Zwangsjacke erweist. Seit Monaten wird die Ausweitung der Kompetenzen auf den unteren Ebenen in Verwaltung, Wirtschaftsorganisationen und Betrieben vehement gepredigt und auch vorsichtig probiert. Plötzlich ist die Rede von "ökonomischen Hebeln", von "Stimulierung durch Preise", von Anreizen durch Lohndifferenzierung, von berechtigter Kritik außerhalb der offiziellen Linie.

Italiaanders Buch hat nicht nur den Vorzug richtiger Vorhersagen – seine Autoren sind auch bemüht um Verständnis für die Entwicklungsbedingungen eines Volkes, das nur mit radikaler Widerspenstigkeit durch die Jahrhunderte den Imperialismus der kleinen Nachbarn und die Aufteilungspolitik der Großmächte überlebt hat.

Nicht alle von Italiaander ausgewählten Beiträge sind freilich gleich informativ. An Stelle der überflüssigen Aufsätze von Ilja Ehrenburg (1945) und dem italienischen Kommunisten Petrone hätte man sich einen Auszug etwa aus den Arbeiten des bedeutendsten Albanien-Experten Stavro Skendi gewünscht. Mut und Maßlosigkeit der politischen Stellungnahmen Tiranas zwischen 1960 und 1968 spiegelt die Rede wider, die Ministerpräsident Shehn gehalten hat, als sein Land nach dem sowjetischen Überfall auf die Tschechoslowakei aus dem Warschauer Pakt austrat.