Nürnberg

Einst hatte der Prager Schriftsteller und Dramatiker Pavel Kohout einen Reisepaß. Mit diesem kehrte er nach dem Einmarsch der Sowjets aus dem Westen nach Prag zurück, wo man ihm den Paß abnahm und ihn aus der tschechoslowakischen KP ausschloß. Kohout in seinem "Tagebuch eines Konterrevolutionärs": "Ich erinnere mich an meinen Traum, und es läuft mir eiskalt über den Rücken." Als jetzt Regisseur Günther Tabor Kohouts Stück "August August, August" am Nürnberger Schauspielhaus inszenierte, lief es dem Prager Autor erneut eiskalt über den Rücken: Diesen Traum nämlich hatte Kohout nie geträumt. Über seinen Kasseler Bärenreiter-Verlag ließ er die Inszenierung, der "antisowjetische Tendenzen" attestiert worden waren, verbieten.

"August August, August", die Titelfigur des Stückes, heißt August mit Vornamen, August mit Familiennamen und ist Zirkusaugust von Beruf. Er will die acht weißen Lipizzaner dressieren, der Zirkusdirektor vereitelt diesen Wunsch immer wieder, indem er die Skala der möglichen Repressionen gegen den aufmüpfigen, nicht unterzukriegenden Clown anwendet. Als all die Mittel erschöpft sind, läßt der Direktor August samt Familie in der Manege von den Tigern verspeisen Tabor, nach eigener Aussage "ein Sozialist", inszenierte das Stück als weinerliche Märchenretrospektive – eindimensional auf die Prager Ereignisse projiziert. Die Rezensenten erkannten überwiegend "antisowjetische Tendenzen". So schrieb der Nürnberger Theaterkritiker Hans Bertram Bock: "Damit auch jeder erkennt, in welcher politischen Arena der August seine Wortwitze und Clownerien ausführt, ließ Tabor am Manegenrand die Flaggen der Warschauer Okkupationstruppen aufpinseln. So weiß jeder, daß ein August nur im sozialistischen Lager scheitern kann. Ein makabrer Beitrag zur Entspannungspolitik der Bonner Regierung."

Lange vor der Premiere hatte Kohout seinem Verlag in Kassel signalisiert: "Aufpassen!" V. Eric Spiess, Leiter der Theaterabteilung des Bärenreiter-Verlags, hatte aufgepaßt. Als er die Kritiken las, untersagte er weitere Aufführungen in dieser Form und machte Auflagen, sollte "August" weiter auf dem Nürnberger Programm bleiben. Unter Bezugnahme auf das deutsche Urheberrecht forderte Spiess die Entfernung aller antisowjetischen Elemente der Inszenierung wie Flaggen oder Kosakenmützen.

Die Nürnberger Theaterleitung willigte ein. Oberspielleiter Hesso Huber: "Natürlich wollen wir dem armen Tschechen nicht schaden. Deshalb tun wir alles, was der Verlag von uns verlangt." Auf menschenfreundliche Gesten dieser Art kam es Kohout freilich gar nicht an. Er sagte: "Ich fürchte keineswegs um meine persönliche Situation. Wenn das so wäre, würde ich jetzt nicht mehr in Prag leben. Es geht mir nur um die Verfälschung meines Stückes, das einfach nicht so gemeint ist."

Tabor, der in Nürnberg vor allem durch die engagierte Inszenierung antifaschistischer Stücke, wie etwa Ödön von Horvaths "Italienische Nacht" hervorgetreten ist, fand sich in der unangenehmen Situation, auf Grund von Kohouts Intervention sowie der Kritiken sich in die falsche politische Ecke gestellt zu sehen. Angesichts des empfindlichen Gleichgewichts der Beziehungen zwischen der ČSSR und der Bundesrepublik sowie der besonderen Situation in der ČSSR nämlich dem Verhältnis zwischen Reformern des Prager Frühlings und der hierarchie – muß sich Tabor freilich dos Vorwurf gefallenlassen, mit dem Holzhammer inszeniert zu haben. Reiner Weiß