Von Wolfgang Hoffmann

Aus dem stromlinigen Lautsprecher ertönt knapp zehn Minuten die sonore Stimme eines Nachrichtensprechers und rasselt in breitem Amerikanisch Daten über Beschäftigte, Jahreskapazitäten, Export, Gewinn und Verlust herunter. Dann bedankt sich die anonyme Stimme für das Interesse des Besuchers an der "Wool Textile Industrie Co. Ltd. und im Lautsprecher macht es "klick".

Dieser Service wird dem Fremden nicht etwa im Mittelwesten Amerikas geboten, sondern unweit des 36. Breitengrades und zwischen dem 128. und 129. Längengrad. Dort liegt die südkoreanische Stadt Taegu, an ihrem Stadtrand die größte koreanische Woll- und Textilfabrik, in der rund 2500 Beschäftigte täglich in drei Schichten rund um die Uhr produzieren. Daß Jong-Won Choi, Vizemanager und Handlungsbevollmächtigter der Company, wie seine 2500 Arbeiter in grau-blauer Einheitsuniform gekleidet, seine ausländischen Gäste – in diesem Fall zwei deutsche Journalisten – per Tonband über "den gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung des Unternehmens" informiert, hat wenig mit seiner oder der Gäste mangelnden englischen Sprachkenntnissen zu tun.

Diese Informationsmethode ist bezeichnend für Südkorea. Wo immer ausländische Besucher auftauchen, steht ein Vizemanager oder chief of training center mit Filmvorführungen, Tonbandschauen oder Schaubildern parat. Den "Fremden" – nach konfuzianischer Lehre sind es "Unpersonen" – wird auf diese Art nicht nur der rasante technische Fortschritt eines bis vor 15 Jahren noch so gut wie rein agrarisch strukturierten Landes demonstriert, er lernt auch das koreanische Selbstbewußtsein kennen, das nicht selten die Schwelle zur Arroganz überschreitet.

Dieses Selbstbewußtsein der Koreaner hat seinen Grund. Längst ist Korea nicht mehr das "Land der Morgenruhe", wie es in der koreanischen Poesie genannt wird. Es ist längst aus der ersten Phase des industriellen Aufbaues herausgetreten und steht mitten in einem ebenso, hektischen wie dynamischen Entwicklungsprozeß, der im Vergleich zu den übrigen asiatischen Verhältnissen, wohl nur noch in dem wirtschaftlichen Wachstum des neuen Industriegiganten Japans eine Parallele findet. Der deutsche Botschafter in Koreas Hauptstadt Seoul, Wilfried Sarrazin, bestätigt: "Korea befindet sich auf Japans Spuren."

Auf einem zum größten Teil aus Bergland bestehenden Territorium von rund 100 000 Quadratkilometern leben 32 Millionen Menschen. Das ist eine Bevölkerungsdichte, die mit 320 Menschen je Quadratkilometer höher ist als in Belgien, dem dichtbesiedeltsten europäischen Land. Und die Bevölkerung wächst weiter, wenn auch nicht so explosionsartig wie noch vor Jahren. Immerhin aber steigt die Bevölkerungszahl um rund zwei Prozent im Jahr. Und die Koreaner, die 1960 noch zu 72 Prozent auf dem Land wohnten, bevölkern jetzt bereits zu nahezu 40 Prozent die Städte.

In der Hauptstadt Seoul, am größten Fluß des Landes, dem Han, leben nach offiziellen Angaben allein fünf Millionen Koreaner, doppelt so viel wie vor sieben Jahren. Eingeweihte Koreaner meinen indes, eine weitere Million leben unregistriert in der Stadt, deren flächenmäßige Ausdehnung durch umliegende Höhenzüge begrenzt ist. Kein Wunder, daß Seoul einem Bauplatz gleicht, auf dem neben den traditionellen asiatischen Hüttenhäusern moderne Wolkenkratzer in die Höhe schießen.