Die Übervölkerung ist derzeit noch eine Quelle des natürlichen Reichtums des Landes. Neben Nationalchina (Taiwan) hat Korea das niedrigste Lohnniveau aller asiatischen Länder. Das durchschnittliche Jahreseinkommen pro Kopf der Bevölkerung liegt knapp über 200 Dollar. Allerdings ist das Lohngefälle zwischen den Stadtbzw. Industrie- und Landregionen überaus groß. Im Industriegebiet Ulsan im südwestlichen Teil des Landes lag der Jahresdurchschnittslohn vor fünf Jahren bereits über 200 Dollar. 1969 wurde ein Pro-Kopf-Durchschnitt von 674 Dollar erreicht, und für das laufende Jahr rechnet Ulsan-Bürgermeister Hong Sung Soon mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Verdienst von über 800 Dollar im Jahr.

Ulsan ist jedoch wie andere eng begrenzte Industriezentren noch eine der wenigen Ausnahmen. 1962 wurde die Region per Regierungsdekret dank seiner günstigen Verkehrslage – ein natürliches Hafenbecken liegt nahe bei Ulsan – zum nationalen Industrieentwicklungsgebiet erklärt. Auf einer 2650 Hektar großen Fläche entstanden bisher allein 17 große Werke der Schwer- und Leichtindustrie: Ölraffinerien, Automobilfirmen, Fabriken der Elektrobranchen, der Chemie und der Hütten Verarbeitung. Weitere 15 Großbetriebe (Textilien, Wolle, Chemie, Kraftwerke und Maschinenbau) sind im Bau oder bereits projektiert. Die Zahl der Beschäftigten liegt derzeit bei rund 9000, sie soll in den nächsten Jahren verdoppelt werden. Allein in Ulsan hat sich der Bevölkerungszuwachs mit jährlichen Zuwachsraten von durchschnittlich acht Prozent in den letzten sieben Jahren nahezu verdoppelt.

Eine der stolzesten Leistungen der jüngsten Zeit, auf die die Koreaner die Fremden mit Vorliebe verweisen, ist die erst kürzlich eröffnete Autobahn von Seoul im Norden zum Süden in das Industriezentrum Ulsan und Pusan. Der 440 Kilometer lange Highway wurde in der Rekordzeit von 29 Monaten fertiggestellt. Zwar wird gelegentlich bemängelt, die Bauweise der Autobahn könne nicht nach europäischen Maßstäben gemessen werden, soweit es die Qualität betrifft; die Koreaner verfahren indes vorerst noch nach dem Motto: Hauptsache der Verkehr fließt, und auf ihn ist die aufstrebende Wirtschaft am meisten angewiesen. Mangelnde Qualität kann bei späteren Reparaturen korrigiert werden.

Trotz der beeindruckenden Leistungen ist die Opposition, die wegen des straff regierten Präsidialsystems von Präsident Park Chung Hee nur zurückhaltend agiert, nicht zu überhören. Insbesondere die Intellektuellen Koreas, zum Teil jene, die an der Militärrevolution des Jahres 1961 beteiligt und dem Sturz des damaligen korrupten Ree-Systems indirekt beteiligt waren, bemängeln, daß sich die Regierung allzusehr auf optisch wirksame Industrieprojekte konzentriere. Sie vernachlässige dabei die für die Entwicklung der Infrastruktur des Landes notwendige klein- und mittelständische Industrie.

Bereits jetzt macht sich in den Betrieben der Großindustrie ein Mangel besonders bemerkbar: Das Fehlen einer Schicht von qualifizierten Facharbeitern. Selbst nach den Berechnungen der Regierung wird der Bedarf an Technikern und Facharbeitern im Jahre 1971 nur etwa zur Hälfe gedeckt werden können. Ausländische Investoren sind zurückhaltend, denn sie halten die offizielle Schätzung eher für zu niedrig.

Dagegen loben sie die Dynamik, den Fleiß und die Geschicklichkeit der koreanischen Arbeitskräfte, sie vermissen indes Eigenverantwortlichkeit und Mitdenken insbesondere bei den qualifizierten Arbeitern. Die Gründe dafür liegen nicht nur in der mangelnden Industrieerfahrung der Arbeitskräfte, sie sind auch in den soziologischen Strukturen auf dem Hintergrund konfuzianischer Erziehung zu suchen.

Auch das ist Korea, gezeigt an einem willkürlich herausgegriffenen Beispiel: Bei der Betonierung einer Fabrikhalle wurden Eimer und Holzbohlen mit einbetoniert, denn die Order, den Boden der Halle zu betonieren, wurde wörtlich genommen. "Jeder deutsche Polier oder Arbeiter hätte vorher das Zeug weggeräumt. Nicht so der Koreaner", meinte ein deutscher Unternehmer. Das ist jedoch keineswegs mangelnde Einsicht, vielmehr der Respekt vor der Order des Vorgesetzten.