Korea erhofft im Exportjahr 1970 erstmals die Grenze von einer Milliarde Dollar zu erreichen, das wären fast 300 Millionen mehr als im Vorjahr. Dennoch ist das Land weit entfernt von einer ausgeglichenen Handelsbilanz. Die Einfuhr betrug 1969 1,791 Milliarden Dollar, das ist eine Differenz zum Export von mehr als einer Milliarde Dollar.

Angesichts ihrer Gesamtbilanzen in der Wirtschaft ziehen die Koreaner Parallelen mit dem deutschen "Wirtschaftswunder am Rhein". Sie bezeichnen ihren eigenen Wirtschaftsaufschwung bereits heute als "Wunder vom Han". Allerdings darf die Geldentwertung nicht außer acht gelassen werden. Im letzten Jahr waren es immerhin etwa elf Prozent.

Wenngleich die politische Situation durch die Teilung am 38. Breitengrad kaum mit der Teilung zwischen der Bundesrepublik und der DDR zu vergleichen ist, so gelten die Parallelen gewiß in Sachen Wirtschaft. Allein auf seine Arbeitskraft gestellt, hätte Korea den Wirtschaftsaufbau ebensowenig geschafft wie die Bundesrepublik. Das koreanische Wundermittel war die Auslandshilfe. So betrug die US-Hilfe von 1958 bis 1969 2,3 Milliarden Dollar.

Die Bundesrepublik beteiligte sich im Bereich der Kapitalhilfe vergleichsweise wenig: 1961: 75 Millionen Mark, 1964: 54 Millionen Mark, 1969: 100 Millionen Mark. Immerhin beliefen sich die Bundesbürgschaften Bonns für Investitionen deutscher Firmen in Korea auf rund 750 Millionen Mark. Die totale Verschuldung Koreas belief sich 1968 (öffentliche Anleihen und Wirtschaftskredite) auf rund 1,4 Milliarden Dollar.

Die Rückzahlung macht den Koreanern indes wenig Sorgen. Der koreanische Vizemeister für Information, Kwung Mu Hong, meinte dazu: "Wir halten unsere Schuldenlast im Rahmen der wirtschaftlichen Entwicklung. Wir nehmen nicht mehr, als wir zurückzahlen können." Der deutsche Botschafter Sarrazin bestätigte: "Die Koreaner sind pünktliche Zahler."

Obwohl offiziell keine Sorge vor einer Überfremdung der koreanischen Wirtschaft besteht, zeigen sich in jüngster Zeit Tendenzen, die ausländischen Beteiligungen an koreanischen Firmen zu verringern. Während 1967 noch 44,9 Prozent der Auslands-Investitionen in 100prozentige Beteiligungen gingen, sank dieser Anteil 1968 auf 21 Prozent. Amerika ist nicht nur der größte Geldgeber Koreas, die Vereinigten Staaten sind zugleich auch diejenigen, die am meisten in Südkorea Privatkapital investieren, vor allem im Bereich der lohnintensiven elektronischen Industrie. Japan liegt an zweiter Stelle, die Bundesrepublik an dritter Stelle, allerdings mit weitem Abstand hinter den USA und Japan. "Wo liegt schon Korea für die deutschen Unternehmer?" meinte ein deutscher Kaufmann in Seoul, der seit elf Jahren im Land lebt.

Die starken Investitionen der Amerikaner haben in jüngster Zeit Besorgnis auf die stets freundlichen Gesichter der Koreaner gebracht. Nicht, daß im Land eine Überfremdung befürchtet wird. Korea befürchtet vielmehr, daß infolge der Asien-Politik von Präsident Nixon auch das amerikanische Wirtschaftsengagement nachlassen könnte. Präsident Nixons erklärte Politik sieht den Abzug amerikanischer Truppen aus Korea bis 1975 vor. Eine Verminderung der amerikanischen Präsenz, auch auf wirtschaftlichem Gebiet, würde möglicherweise eine Verstärkung der japanischen Anstrengungen in Korea mit sich bringen.

Koreas Außenminister glaubt zwar nicht, daß den zwei militärischen Invasionen der Japaner in der koreanischen Geschichte (1592 und 1905) nun eine dritte, eine ökonomische, folgt. Der Außenminister freilich macht Außenpolitik, die wirtschaftlichen Fakten zeigen ein anderes Bild. Der Außenminister: "Uns sind alle willkommen, die bei uns investieren wollen. Unsere Politik wird dadurch nicht gefährdet." Der Minister meinte freilich auch, und gewiß nicht ohne Seitenblick auf das zunehmende japanische Übergewicht: "Sagen Sie den deutschen Unternehmern, sie sollen in Korea investieren."