Von J. Heydecker

Werden Sie diplomatische Beziehungen mit Kuba, der Volksrepublik China und mit Nordvietnam aufnehmen?" fragte ein Journalist den neuen chilenischen Präsidenten einen Tag nach dessen Amtsantritt. Salvador Allende antwortete mit einer Gegenfrage: "Und warum nicht mit Nordkorea und der Deutschen warum kratischen Republik?"

Noch am Abend zuvor hatte man sich bei einem Empfang des Botschafters der Bundesrepublik zuversichtlich gegeben: "Wir müssen zwar mit einer Anerkennung der DDR durch Chile rechnen, aber wir glauben annehmen zu dürfen, daß das nicht so schnell geht. Auch die neue Regierung wird wohl wissen, daß die Bundesrepublik Chiles Handelspartner Nr. 1 ist. Man wird sich also gewiß jeden politischen Schritt im wirtschaftlichen Interesse des Landes reiflich überlegen."

Doch die Erfahrungen lehren, daß radikale Regierungen am Anfang nur selten Wirtschaftliche Überlegungen anstellen: Das pflegt erst später zu kommen, wenn das ererbte Kapital verbraucht ist und die Situation zum Nachdenken zwingt. So haben die Wunschträume in Chile keine breite reale Basis. Schon hat der neue Außenminister Clodomiro Almeyda – er gehört den Sozialisten an und steht damit nach chilenischem Schema zwei Parteien links von den Kommunisten – als sein Ziel proklamiert: "Die Aufnahme der Beziehungen zu China, Kuba, Nordkorea, Nordvietnam und Ostdeutschland."

In Chile steht etwa eine dreiviertel Milliarde Mark bundesdeutsches Kapital, abgesehen von den laufenden Geschäften. Die Bundesrepublik ist der größte Abnehmer des chilenischen Kupfers – nicht etwa die Vereinigten Staaten –, und damit ist sie die Hauptstütze des wichtigsten Exportartikels des Andenlandes. Überdies befindet sich die Bundesrepublik bei der Entwicklungshilfe für Chile ebenfalls an erster Stelle.

Mit direkter Kapitalhilfe finanzierte die Bundesrepublik zwischen 1960 und 1970 in Chile rund 19 Projekte im Wert von 350 Millionen Mark, davon hundert Millionen allein zur Linderung der Not nach den großen Erdbeben. Um nur einige Objekte zu nennen, seien der soziale Wohnungsbau mit 21 Millionen allein erwähnt, die Fischereiindustrie (18 Millionen), die Zuckerindustrie (40 Millionen), die Modernisierung der Häfen Valparaiso (10,7 Millionen) und Puerto Häfen (17,3 Millionen), eine Chlor- und Ätznatronfabrik (16,6 Millionen), eine Zuckerfabrik in Valdivia (36 Millionen), sowie der Ausbau verschiedener Kleinindustrien (30 Millionen). 37,5 Millionen Mark wurden für technische Hilfe in Chile aufgewendet, 35,5 Millionen Entwicklungsgelder kamen aus kirchlichen Quellen der Bundesrepublik.

Dazu kommen noch zahlreiche andere Investitionen und Hilfen, wie etwa die Finanzierung von 32 Schulen in Chile, der Bau und die Unterhaltung der Höheren Industrie-Lehranstalt in Ñuñoa, die Entsendung von Hochschulprofessoren, Agronomen und Forstwirten, die Erteilung von Stipendien für den Studienaufenthalt chilenischer Studenten in der Bundesrepublik sowie Spenden. Die Bundesrepublik exportiert nach Chile nur für ein Drittel des Wertes ihrer gleichzeitigen Importe und hat damit der Außenhandelsbilanz dieses Landes 1969 und 1970 einen Devisenüberschuß von rund 950 Millionen Mark gebracht.