Von Andreas Kohlschütter

Im Sog des großen Ost-West-Dialogs hat sich in den letzten Monaten auch auf dem Balkan die politische Atmosphäre entkrampft. Der Trend zur nachbarlichen regionalen Zusammenarbeit, ungeachtet ideologischer Differenzen und verschiedenartiger Allianzzugehörigkeiten, hat sich verstärkt. Der Balkan als "Gebiet der friedlichen Koexistenz" – wie es in einer im Juni von der rumänischen Regierung an U Thant gerichteten Note hieß – hat an Konturen gewonnen.

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang einmal die Normalisierungsfühler, die der insulare Peking-Satellit Albanien auf wirtschaftlicher Ebene in Richtung der "Revisionistenclique" in Belgrad und der "Erzreaktionäre" in Athen ausgestreckt hat (auch Tito lockerte in letzter Zeit übrigens seine ursprüngliche Distanz gegenüber der griechischen Junta). Die jahrelange Propagandakampagne gegen die "Handlanger der sowjetischen Hegemonialpolitik" in Sofia hinderte Albanien ferner nicht mehr daran, sich dieses Jahr erstmals wieder auf der großen bulgarischen Industriemesse von Plovdiv sehen zu lassen.

Ebenso aufschlußreich sind die jüngsten Balkan-Avancen der in ihrer unerschütterlichen Kremltreue ziemlich isolierten bulgarischen Führung. Mit betonter Protokoll-Frömmigkeit intensivierte Sofia seine Kontakte zu den beiden Nato-Staaten Türkei und Griechenland und bemühte sich um eine Wiederannäherung an die beiden Ostblockaußenseiter Rumänien und Jugoslawien. Im September setzte sich der bulgarische Staats- und Parteichef Schiwkoff nach dreijähriger Pause wieder mit dem unbequemen Nationalkommunisten Ceausescu an einen Verhandlungstisch. Gleichzeitig richtete Schiwkoff ein versöhnliches Schreiben an Tito. Es enthielt den Vorschlag eines baldigen persönlichen Zusammentreffens – zur Regelung der zwischen Sofia und Belgrad umstrittenen Fragen, konkret zur Unterzeichnung eines Freundschaftsvertrages sowie einer Erklärung über den Verzicht auf territoriale Forderungen.

Nach dem eklatanten Mißerfolg, mit dem im Dezember 1969 der Belgrader Besuch des bulgarischen Außenministers Bascheff geendet hatte, verdient diese Initiative zur Wiederaufnahme des jugoslawisch-bulgarischen Gesprächsfadens besondere Aufmerksamkeit. Nur mit Mühe hatte damals in Belgrad ein Debakel vermieden werden können. Die Dramatik jener Begegnung, die sich an der jahrzehntealten Mazedonienfrage entzündet hatte, klang in den Worten des jugoslawischen Außenministers Tepavac an, als er vor dem Belgrader Parlament den Bascheff-Besuch resümierte: "Dieser Besuch hat klarer als je zuvor die grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Ländern zutage treten lassen."

Den Kern dieser immer wieder aufbrechenden und das Verhältnis zwischen den beiden Staaten vergiftenden jugoslawisch-bulgarischen Querele bildet der Status Mazedoniens. Seit der Gründung der jugoslawischen Teilrepublik Mazedonien nach dem Zweiten Weltkrieg existiert für Belgrad diese Frage nicht mehr. Sofia hat zwar nie konkrete territoriale Forderungen erhoben, hat aber zugelassen, daß in Hunderten von Artikeln in der bulgarischen Tages- und Fachpresse die These von der ethnischen, kulturellen, historischen und sprachlichen Zugehörigkeit Mazedoniens zu Bulgarien vertreten wurde.

Besonders nach der Invasion in der ČSSR und der Verkündung der von Sofia vehement verteidigten Breschnjew-Doktrin hat das offizielle Belgrad nicht mit der Gelassenheit des Besitzenden, sondern mit größter Empfindlichkeit auf diese bulgarischen Thesen reagiert. Die Jugoslawen weigerten sich entschieden, in der von Sofia geduldeten Mazedonienpublizistik nur einen Ausdruck frustrierten bulgarischen Nationalgefühls oder bloß einen akademischen Meinungsstreit zu erblicken. Belgrad blies die bulgarischen Behauptungen zu "territorialen Forderungen" und offenen Annexionsgelüsten auf. Tito persönlich sprach von einem "Angriff auf die Unabhängigkeit unseres Landes und auf unsere Selbstverwaltungsgesellschaft".