Hinter solcher Sensibilität steckte der sich zur Gewißheit steigernde jugoslawische Verdacht, daß Moskau die bulgarische Mazedonien-Lobby nicht nur billigte, sondern ausdrücklich anfeuerte, um gegenüber dem "revisionistischen" und abtrünnigen Tito-Staat einen Hebel in der Hand zu haben. Den bulgarischen Führern, die – wie man in Belgrad witzelt – ihre Regenschirme aufspannen, wenn es in Moskau regnet, und Tabletten schlucken, wenn Breschnjew Kopfweh hat, trauen die Jugoslawen in einer so delikaten Balkanangelegenheit kein eigenständiges Vorgehen zu. Ihre unverhältnismäßig heftige Reaktion galt vielmehr dem vermuteten sowjetischen Kalkül auf ein Auseinanderbrechen des jugoslawischen Vielvölkerstaates, eingedenk der düsteren Prophezeiung von Djilas, daß "Titos Nachfolger einen uneinigen, der Gier des großrussischen Imperialismus ausgesetzten Staat übernehmen werde.

Das Kommuniqué, das jetzt eine hohe jugoslawische Partei- und Regierungsdelegation von ihrem auf den Schiwkoff-Brief folgenden ersten Sondierungsgespräch in Sofia mit nach Hause gebracht hat, verrät keine nennenswerten Fortschritte, was die mazedonische Substanz der Spannungen zwischen den beiden Balkanstaaten betrifft. Beide Seiten haben die Standpunkte ihrer Regierungen über aktuelle gegenseitige Fragen dargelegt und sind übereingekommen; das Gespräch zu einem späteren, noch nicht festgelegten Zeitpunkt fortzusetzen.

Mit der "sowjetischen Dimension", die Belgrad im Mazedoniendisput immer wieder beschwört, wird zugleich auch die Frage nach der Reichweite und Glaubwürdigkeit der gegenwärtigen Entspannungsphase auf dem Balkan aufgeworfen. Die Jugoslawen scheinen überzeugt zu sein, daß der regionalen Annäherung und Verzahnung weiterhin enge Grenzen gesteckt sind und sich Moskau – wie seinerzeit unter Stalin – immer noch mit aller Härte und allem Nachdruck schon den Ansätzen einer Balkanföderation widersetzen wird. Dieser jugoslawischen Skepsis steht die oft überschwenglich wirkende Zuversicht der selbstbewußten rumänischen Führung entgegen, die schon heute dem Zusammengehen der Balkanstaaten auf multilateraler Basis eine echte Chance gibt. Die weitere Entwicklung des Zanks um Mazedonien kann jedenfalls zu einem aufschlußreichen Koexistenztest auf dem südosteuropäischen Nebenschauplatz werden.