Von Werner Dolph

Was hat sich verändert in Brüssel? Von der künftigen Metro existiert eine Teilstrecke, andere Linien sind noch im Bau. Die EWG hat ihr neues Dreizackgebäude bezogen und bringt der Vereinigung der Kriegsveteranen, denen das Bauwerk gehört, die erhoffte Rendite. Die Manhattanisierung hat Fortschritte gemacht. Zwischen Rue Belliard und Porte de Namur reihen sich kühle Metall-, Glas- und Betonpaläste. In ihren Vorhallen könnten Flugzeuge landen, ganze Häuser hätten hier Platz. Abends quillt aus den stillen Hohlräumen Lichterluxus. Ganze Himmel von Glühbirnen, Leere ausleuchtend, gradlinig wuchernde Technik, Fernsehmonitoren zur besseren Gebäudeüberwachung. Das ist futuristisch allein durch Übermaß. Auf natürliche Größe reduziert, erweist es sich als Konzeption von gestern. Was sich funktional zu geben versucht, ist nicht einmal das, sondern Imponierarchitektur mit Denkmalscharakter, aufgeblasenes Mittelmaß. Zugleich unausgesprochene Bedrohung. Die hier arbeiten, sich vorstellen, bewerben, die hier Gäste sind, erhalten als Warnung: sich bewußt zu werden der eigenen Winzigkeit, sich nicht aufzulehnen gegen Giganten. Droheffekt als Teil kalkulierter Kosten, Erziehung, Verlegung und Indoktrination durch Glas, Metall und Beton. Man sehe das Winterthur-Center, ein Frankenstein-Monster der Baukunst.

Das Abenteuer der Architektur flüchtet in den Untergrund. Phantasie und Freiheit retten sich in die Katakomben. Das sind: die Ladengalerien der Stadt. Was für Verwirrspiele. Nicht mehr die geraden, allenfalls sich kreuzenden Hallendurchgänge des 19. Jahrhunderts, nicht mehr die Galerie du Roi in der Unterstadt. Nicht mehr die Terrassengalerie Ravenstein am Kunstberg, die seit dem Umzug der staatlichen Diskothek zu veröden beginnt. Sondern: die Mini- und Maxilabyrinthe unter den rechteckigen Neubauten Brüssels, Widerspruch gegen das, was architektonisch darüber ist. In der Oberstadt das kilometerlange Verlaufsystem der Galeries du Toison d’Or: der "Durchgänge zum goldenen Vlies", Basar und urbaner Treffpunkt, Untergrund, der auch Untergrund anzieht, seit zwei Jahren ergänzt durch den mondänen Garden Store Louise auf der anderen Seite der Avenue, welche Louise heißt. In der Unterstadt die Galerie Agora, eine der schicksten Boutiquen- und Allerleiansammlungen des Kontinents, zwei Minuten von der Grande Place. Brüssel, das andere Unterdrückungen erlebt hat, Brüssel, das in seinen Kneipen noch immer die flämische Stadt französischer Sprache ist, Brüssel, das Spanien nicht hat fressen können: Brüssel wird auch diese Bedrohung überleben.

Malraux’ Weißmacher sind da. An der Grande Place, an der Kathedrale St.-Michael schaffen sie in geduldiger Arbeit das weißeste Brüssel, das es je gab. Übrigens: wer zur St.-Michaels-Kathedrale geht, sollte die paar Schritte noch machen bis zu Hecq’s Kongo-Geschäft in der Rue des Colonies. Hier kaufen Leute von Welt noch immer handliche Wasserfilter, Blechkoffer und Tropentextilien, eine Machete schon für 10 Mark.

* Das Theaterereignis der Saison heißt "Freitag", geschrieben von Hugo Claus, aufgeführt im Königlich-flämischen Schauspielhaus. Claus ist flämischer Belgier, seine Stücke erregten mehrfach das Interesse der Königlich-belgischen Staatsanwaltschaft. Sie berief sich dabei auf drei Unzuchtsverhinderungsparagraphen. Jetzt lebt Claus im freieren Amsterdam. Claus ist Freund des belgischen Malers Appel und Weggenosse der Experimentiergruppe COBRA, die abkürzt: COpenhagen, BRüssel, Amsterdam. Claus hat auch Filme gemacht. Mit "Freitag" wird der Vierzigjährige erstmals den Weltmarkt erreichen, auch deutsche Theater haben sein Stück gekauft.

"Freitag" ist eine einfache Geschichte. Der Arbeiter Vermeersch (Bert Struys), über 40, Bewohner einer flämischen Kleinstadt, kam wegen Inzests mit seiner Tochter ins Gefängnis. Er wird vorzeitig entlassen, seine Frau hat einen jugendlichen Liebhaber gefunden, die Tochter ist längst verheiratet, nur ihr Abbild überflutet riesenhaft die Wände. Vermeersch kommt zurück in sein "Einfamilienhaus", es ist leer. Die Frau ist beim Geliebten, im ersten Stockwerk plärrt ein Kind der Verbindung. Mit dieser Heimkehr beginnt das Stück. Der flämische Arbeiter Vermeersch, von Leben und Gefängnis farblos gebleicht, Objekt vielfältiger Erziehung, Verlegung, gedemütigt und indoktriniert mit Schuldgefühl, gefüllt mit amorphem Haß und amorpher Aggression, kommt zurück in eine Umgebung, die sozial seine natürliche ist. Böse Kleinbürgermöbel, jede Spontaneität erschlagend, ein Klap in grellem "Schottenmuster", eine Frisierh zu helles Deckenlicht, ein Hochglanzfernsener der ersten Generation, eine Frisiertoilette mit Kosmetikramsch, Wandleuchten zum Verzweifeln: das eigene vernichtende Heim.

Der Arbeiter Vermeersch begeht eine erste soziale, noch ungewiß auf Mitmenschen bezogene Handlung: er holt aus der Schublade ein Fallmesser und steckt es ein. Ein Akt der Menschwerdung in dieser Umgebung der latenten Gewalt: ein negatives Zusichselbstkommen. Er findet den Schnaps, setzt sich an den Tisch und trinkt. Nichts hat sich geändert, Auswege werden nicht sichtbar. Die Sprache, die herumredet und nur durch ihre Hohlräume geltend macht, worum es hier geht, die erschrickt, wenn sie versehentlich zum Aussprechen der Hohlräume kommt. "Freitag" zeigt präzis beobachtete Verhaltensweisen von Menschen in dieser sozialen Lage. So beobachtet Konrad Lorenz seine Gänse.