Von Marcel Reich-Ranicki

Wenn ich gleich verrate, worum es in Jurek Beckers Buch geht, wird es niemand in die Hand nehmen oder auch nur meinen Artikel weiterlesen wollen. Wenn ich jedoch zugebe, daß es sich um ein sehr unerfreuliches und düsteres Thema handelt, aber eilig hinzufüge, der Roman sei trotzdem leicht und amüsant, dies sei ein Stück Literatur mit Charme und Grazie und mit viel Humor – dann wird man mir doch nicht ganz glauben, ja, man wird mich noch verdächtigen, daß ich hier nicht nur einem jungen DDR-Autor die Stange halten, sondern obendrein auch der Werbeabteilung des Luchterhand Verlags zu Hilfe kommen möchte. Aber: eben das will ich. Denn das kleine und bescheidene Buch hat es mir angetan –

Jurek Becker: "Jakob der Lügner", Roman; Sammlung Luchterhand 1, Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied; 271 S., 7,80 DM.

Von der Ermordung der Juden wird hier erzählt, vom Leben und Tod im Getto einer polnischen Kleinstadt in den Jahren des Zweiten Weltkriegs.

Natürlich ist dieses Thema nach wie vor besonders riskant. Die wichtigsten der vielen Fallen, in die hier jeder Schriftsteller geraten kann, heißen einerseits Pathos, Larmoyanz und Sentimentalität und andererseits Verharmlosung und Verniedlichung.

In dieser fatalen Situation wollen sich manche Autoren mit konsequenter Nüchternheit und Trockenheit behelfen. Das ist in der Tat kein schlechter Ausweg. Er hat nur einen Fehler: Er führt oft zur Dürre, zur Farblosigkeit und schließlich zur Langeweile. Und es läßt sich bekanntlich der Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben. Aber so gewiß das Unvorstellbare nicht darstellbar ist, so kann es die Literatur doch indirekt zeigen oder wenigstens andeuten.

Jurek Becker, ein. polnischer Jude und ein deutscher Erzähler, von dem wir in der Bundesrepublik bisher nichts gehört hatten – er wurde 1937 in Polen geboren und verbrachte seine Kindheit meist in Gettos und Konzentrationslagern, er wuchs auf und studierte in der DDR und lebt jetzt in Ostberlin –, braucht man über diese Schwierigkeiten nicht zu belehren.