In einem der kleinsten Gerichtssäle Amerikas hat der Prozeß um das größte Kriegsverbrechen in der Geschichte der amerikanischen Armee begonnen. Neunundfünfzig Publikumssitze gibt es in dem braungetäfelten neon-erleuchteten Raum, dessen Fenster wie die Wand hinter dem Richtertisch von blauen Vorhängen verdeckt sind. Vierunddreißig Sitze sind der Presse zugeteilt, zwanzig der vorwiegend aus Soldaten zusammengesetzten Zuhörerschaft; fünf bleiben den Angehörigen des Angeklagten reserviert.

In der Eröffnungsphase sind nicht einmal diese wenigen Plätze voll besetzt. Noch geht es um Verfahrensanträge der Anklage und der Verteidigung, um die Auswahl der Schöffen, um das juristische Sezieren der Prozedur. Erst danach, als die Zeugenvernehmungen beginnen, tritt groß und fahl, blutbesudelt und niederdrückend das Gespenst dieses Militärprozesses in den Saal: das Massaker von My Lai.

Der untersetzte, knapp 1,60 Meter große Leutnant William L. Calley, 27 Jahre alt, mit einem blonden Bubenschopf versehen, macht ein trotzig verschlossenes Gesicht. Er ist beinahe zum Synonym für My Lai geworden. In dem südvietnamesischen Weiler hatten Einheiten der Einsatzgruppe Barker – benannt nach dem später beim Absturz seines Hubschraubers ums Leben gekommenen Oberstleutnant Frank Barker – am Morgen des 16. März 1968 die unbewaffnete und sich nicht zur Wehr setzende Zivilbevölkerung von einigen Hundert alten Männern, Frauen und Kindern zusammengetrieben und unterschiedslos niedergemetzelt. Dabei tat sich Leutnant Calley nach zahllosen, bisher niemals ernstlich in Abrede gestellten Äußerungen von ehemaligen Angehörigen seiner Einheit als Zugführer der Charlie-Kompanie besonders hervor, die My Lai dem Erdboden gleichmachte. Die Anklage wirft ihm daher vorsätzlichen Mord "durch Schüsse aus einem Gewehr" an mindestens 102 Zivilpersonen vor – an "orientalischen menschlichen Lebewesen", wie es in der ersten und inzwischen abgeänderten Fassung der Anklageschrift noch hieß. Befinden ihn die Schöffen dieses Verbrechens für schuldig, hat der Richter nur eine Auswahl zwischen den Urteilen: Tod durch Erhängen oder lebenslanges Gefängnis?

Calley ist nicht der einzige Soldat, der solcher Verbrechen beschuldigt ist. Feldwebel Mitchell aus dem gleichen Zug sieht bereits der Aburteilung wegen der Tötung von dreißig Einwohnern My Lais entgegen: Ein Ermittlungsverfahren läuft gegen den Kompanieführer Hauptmann Ernest Medina, dessen draufgängerischer Schneid ihm bei seinen Kameraden den Spitznamen "der tolle Hund Medina" eingebracht hat. Auch gegen anderthalb Dutzend andere Soldaten wird ermittelt – Unteroffiziere und Offiziere bis hinauf zu einem General. Strafverfahren gegen diejenigen Mitglieder der Charlie-Kompanie, die bei Beginn der Untersuchung schon wieder ins Zivilleben entlassen worden waren, können nach geltendem Recht nicht eingeleitet werden, da sie nicht mehr der Militärgerichtsbarkeit unterstehen. Einige von ihnen, wie der Schütze Paul Meadlo, haben in Interviews offen eingeräumt, daß sie auf Befehl Calleys Gruppen von Dörflern summarisch erschossen haben.

Darum ist William Calley wie kein anderer Angehöriger der Charlie-Kompanie mit dem identifiziert worden, was auch Präsident Nixon in einer Pressekonferenz vor einem Jahr schon als das Massaker von My Lai bezeichnete. Kaum ein Amerikaner zweifelt, daß es geschehen ist, aber die Meinungen über Schuld und Verantwortung sind sehr geteilt.

Jeden Morgen geht Leutnant Calley kurz vor neun Uhr von seiner Unterkunft in der Infanterieschule von Fort Benning im Südstaat Georgia den Gang zum Gerichtssaal. Noch ist er ein freier Mann; noch tut er nebenher untergeordnete Bürodienste als einer der Adjutanten des stellvertretenden Kommandeurs der Lehrbrigade von Fort Benning. Dort hat auch Calley seine Ausbildung als Offiziersanwärter durchlaufen. "Folgt mir", heißt der Wahlspruch auf dem Wappen der Infanterieschule, einem Schild mit blauem Untergrund und einem aufgerichteten Bajonett in der Mitte. Im Jahre 1966 kam Calley hierher. Nach einem College-Studium von nur einem Jahr, das mit sehr schlechten Noten endete. Die Armee wurde seine Heimat – und Vietnam wurde sein Schicksal.

William Laws Calley war 24 Jahre alt, als er seinen Zug Infanterie in das Dorf My Lai führte, eine Siedlung in einem Gebiet, das zwanzig Jahre als fester Stützpunkt erst des Vietminh und dann des Vietcong gedient hatte. Seine Kampferfahrung war gering. Seine Vertrautheit mit den Regeln zivilisierter Kriegführung, deren Kenntnis jedem Angehörigen der amerikanischen Streitkräfte vorgeschrieben ist, scheint gleich Null gewesen zu sein.