Die innenpolitische Hektik in der Bundesrepublik hat in letzter Zeit verständlicherweise den Blick der Öffentlichkeit von den Kriegsschauplätzen in Vietnam und im übrigen Indochina abgelenkt. Dabei geht der Krieg, der das Schicksal des vietnamesischen Volkes entscheidet, unverändert weiter. Ihn zu vergessen, wäre in der Tat ebenso unmoralisch wie ihn zu eskalieren.

Vietnam hätte seit mehr als zwanzig Jahren, seit der Proklamation der Demokratischen Republik Vietnam am 2. September 1945, zu den unabhängigen Staaten zählen können. Warum kam es nicht dazu? In dem sehr informativen Buche

Piero Gheddo: "Katholiken und Buddhisten in Vietnam"; aus dem Italienischen von Alfred G. Gleisner und Marie-Luise Grün; Verlag J. Pfeiffer, München 1970; 368 S., 20,– DM

– werden zwei Erklärungsversuche angeboten:

1) Die französische Regierung beauftragte bereits im Oktober 1945 den Admiral d’Argenlieu mit der "Wiederherstellung der französischen Souveränität in den Gebieten der Indochinesischen Union". Sie akzeptierte zwar am 6. März 1946 jene durch Ho Tschi Minh proklamierte Republik als "einen freien Staat, mit einer eigenen Regierung, einem Parlament, einer Armee und eigener Finanzhoheit", aber nur als "einen Teil der Indochinesischen Union und der Französischen Union". Sämtliche Regierungen Frankreichs führten bis 1954 den Kolonialkrieg weiter.

2) Die Politik der Kommunisten besteht seit 1945 konsequent darin, so Gheddo, das ganze Land zu einer "Volksdemokratie" nach chinesischem Vorbild umzuformen und alle nichtkommunistischen Bewegungen in Vietnam zu unterdrücken. Folglich waren diese Gruppen, um zu überleben, zum Widerstand genötigt, wobei sie sich erst französischer und dann amerikanischer Hilfe haben bedienen müssen. Anders kann sich der Autor "den verzweifelten Widerstand der nichtkommunistischen. Nationalisten – und vor allem der Katholiken – gegen die Machtübernahme durch die Kommunisten" nicht erklären.

Gheddo, ein römisch-katholischer Priester, beschäftigt sich vornehmlich mit dem Schicksal und mit der politischen Rolle der Katholiken in Vietnam. Um jeglicher Voreingenommenheit vorzubeugen: Gerade weil er ein ehrlicher Katholik ist, verteidigt Gheddo weder den ermordeten katholischen Diktator Diem noch das gegenwärtige Regime in Saigon blindlings. Das Buch ist nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben und mit Akribie dokumentiert; zum tieferen Verständnis der innervietnamesischen Verhältnisse ist es unerläßlich.