Bis heute sind die radikalen Parteiungen, die sich um Richard Wagner wie um keinen anderen Musiker ein Jahrhundert lang bildeten, die Idiosynkrasie seiner von Verlustangst behexten Gemeinde und das hysterische Gealber seiner Gegner, merkwürdig undurchleuchtet geblieben.

Vermutlich erschien mit ihm, im Samtbarett, das ihn verkleidete wie andre eine Haartracht, ein ganz neuer Künstlertyp, vor dem sich die zeitgenössischen Kategorien der künstlerischen und moralischen Einordnung als unzulänglich erwiesen. Sie sind aber bis heute nicht wirklich ausgewechselt worden. Alle Versuche einer Neu-Interpretation liefen darauf hinaus; entweder abzuwerten oder zu "retten", das Ungemütliche wegzuleugnen oder durch andres zu rehabilitieren – als wiege der Tristan-Akkord die Geldschulden auf oder die Vision von La Spezia seine Verstrickung in Affären.

Eine kritische Biographie, die sich nicht darauf beschränkte, gegen einen veralteten Mythos anzuschreiben und offene Türen einzurennen, müßte deutlich machen, daß eines sich nicht aufrechnen läßt gegen das andre: Größe und Peinlichkeit, Genie und Luxus. Nachdem der vierbändige, unentbehrliche Ernest Newman immer noch nicht ins Deutsche übersetzt ist (ein Skandal), scheint nun ausgerechnet einem Amerikaner, Professor an der State University of New York, der große Wurf geglückt zu sein –

Robert W. Gutman: "Richard Wagner – Der Mensch, sein Werk, seine Zeit"; R. Piper & Co. Verlag, München; 573 S., 34,– DM.

Scheint, sage ich, denn nur auf den ersten Blick sieht alles danach aus: Gutman läßt sich weder auf oberflächliche Polemik noch auf verbohrte Rechtfertigungsversuche ein, er nennt Tricks und Irrtümer beim Namen, gibt geistvolle Werkanalysen und ist von dem Musikwissenschaftler Horst Leuchtmann so brillant verdeutscht Warden, daß man zeitweise glaubt, ein Original zu lesen. Das Buch bleibt selbst dort faszinierend, wo nicht nur Wagner, sondern auch der Autor Grund zum Ärgernis gibt. Es bedarf allerdings gründlicher Kenntnis der gesamten Wagner-Literatur, einschließlich der Briefe und Schriften, des großen Monomanen selbst, um sich der Überredungskunst Gutmans sanft zu: entziehen und dem auf die Schliche zu kommen, was an Kritik nicht auch notwendigerweise progressive Kritik sein muß. Das heißt vorab: Eine allzu populäre, leicht verständliche Darstellung darf man nicht erwarten, wenn ein Biograph ganze Kapitel an Wagners ästhetischen Sinneswandel, an Leitmotiv und musikalische Struktur, Erotik, Vegetarismus, Rassenwahn und Erlösung drangibt, um schließlich an. Hand des "Parsifal" Wagners totalen moralischen und ideologischen Zusammenbruch nachweisen zu können.

Hier geht es, wie man sieht, ums Ganze. Um den Antisemiten Wagner. Und da läßt Gutman die mannigfachen privaten Ressentiments gegen die Opernmeister seiner Zeit, die für Wagner typische Interpretation der Welt aus einem Punkte, die Abdrängung des Privaten ins Ideologische, ebensowenig gelten wie seine Beziehung zu Rubinstein, Tausig, Angelo Neumann und Levi, mit der Gutman nicht eben objektiv verfährt.

Eine der interessantesten Hypothesen des Buches dürfte der Zusammenhang sein, den Gutman zwischen den Rassentheorien Gobineaus und dem "Parsifal" konstruiert: Der "Kretin Parsifal", der durch den Speer, "das heilige arische Werkzeug", die durch Verunreinigung gefährdete "Rasse" vom Verfall erlöst; der Gral als Lebensborn und Bluterneuerung, anknüpfend an Wagners abstrusen Wibelungen-Entwurf, aus dem sich die Theorie einer Überlegenheit der einen Rasse über die andre herauslesen läßt; Amfortas geschwächt durch die "sexuelle Ausschweifung mit Bastarden" (so Gutman), und Klingsors Verstoßung als rassische "Endlösung" – das ist zwar eine intellektuell genußreiche Spekulation, aber hier, am Ende (und vom Ende her nur ist Gutmans Buch zu verstehen), verläßt der Autor die kritische Gelassenheit, verliert er die Maßstäbe, wenn er behauptet, daß "Parsifal, mehr als der Ring, zur Bibel des Nationalsozialismus wurde". Das ist nicht ganz wahr.